Bhutan Reisebericht

Norman Bücher

Von Donnerdrachen und Klostern – 265 Kilometer zu Fuß durch das Königreich Bhutan

Die Straße nimmt einfach kein Ende. Sie führt in unzähligen Kurven durch das Land. Mal geht es bergauf, mal bergab. Nur selten verläuft der Weg in der Ebene. Eine wohltuende Stille umgibt mich. Nur die fröhlichen Gesänge der Vögel, die sich in den dichten Laubbäumen bequem gemacht haben, nehme ich wahr. Ansonsten ist es ruhig. Ich befinde mich irgendwo auf dem National Highway im Königreich Bhutan. Über 600 Kilometer schlängelt sich diese schmale Straße, die Ost- mit Westbhutan verbindet, über Bergpässe und Täler, durch Städte und Dörfer. Ein angenehmes Wärmegefühl durchdringt meinen ganzen Körper, wenn ich an mein großes Ziel denke. Es ist auch ein sehr ambitioniertes Ziel, das ich mir wieder gesetzt habe. Vielleicht dieses Mal doch etwas zu hoch? Definitiv unvernünftig. Auf jeden Fall reizvoll, anziehend, krass. Ich laufe zum Tigers Nest, dem weltbekannten Kloster in Bhutan. 265 Kilometer und 7.000 Höhenmeter in maximal 60 Stunden. Ohne Gegner. Ohne Zuschauer. Nur ich gegen meinen eigenen inneren Schweinehund.

„Abenteuer Donnerdrache“

„Abenteuer Donnerdrache“, so lautet der Name meines selbstorganisierten Laufabenteuers. Der Donnerdrache ist das Wappentier und ziert die Nationalflagge Bhutans. Er repräsentiert Veränderung, Energie und Kreativität.

„Druk Yul“, das Land des Donnerdrachen, wie Bhutan genannt wird, ist flächenmäßig ungefähr so groß wie die Schweiz mit nur knapp 700.000 Einwohnern. Das zwischen Tibet (China) und Indien eingebettete Königreich im Himalaya war Jahrhunderte lang von der Außenwelt abgeschnitten. Bis in die siebziger Jahre gab es keine Straßen, Schulen und Krankenhäuser. Erst im Jahr 1990 wurde das Land an das Telefonnetz der Welt angeschlossen. Und erst seit 1999 gibt es Fernsehen und Internetanschluss. Die Unberührtheit, Fremdheit und Abgelegenheit Bhutans fasziniert mich und hat mich zu diesem Laufabenteuer motiviert. Trongsa, eine Gemeinde mit 3500 Einwohnern in Zentralbhutan, bildet am 14. April 2013 den Startpunkt meines Laufes.

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Die Magie einer völlig anderen Welt

Schon nach den ersten Kilometern tauche ich ein in eine völlig andere Welt. Die Umgebung ist durch grüne Reisterrassen, durch dichte und kühle Laubwälder und rauschende Bäche gekennzeichnet. Durch die enormen Höhenunterschiede (höchster Punkt 7.541 Meter, niedrigster Punkt 97 Meter) existieren unterschiedliche Landschafts- und Vegetationszonen. Es ist Genuss hier laufen zu dürfen. Bhutan verfügt über eine Naturbelassenheit, die unvergleichlich auf der Welt ist. Zwei Drittel des Landes sind immer noch von Wald bedeckt. Über 70 Prozent des Landes sind als Nationalpark ausgewiesen. Immer wieder passiere ich kleine Siedlungen und Dörfer. Nur ein Dutzend Häuser am Wegesrand. Ein paar Kinder, die vor den Häusern spielen, schauen mich neugierig an und winken mir zu. Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind. Gebetsmühlen, Reliquienschreine und Stupas (buddhistisches Bauwerk, das Buddha symbolisiert) sind allgegenwärtig. Der Buddhismus ist Staatsreligion, die Landessprache heißt Dzongkha. Mein Puls rast. Ich befinde mich mittlerweile auf knapp 3.200 Metern. Und es geht noch höher. Der Pele La Pass, mit knapp 3.500 Metern der höchste Punkt des Laufs, liegt vor mir. Ich keuche. Ich japse. Ich schnaufe. Kein Wunder, denn über 80 Prozent des Landes liegt über 2.000 Meter Höhe.

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Zuvorkommend, unbefangen und warmherzig

Ein lokales vierköpfiges Team, bestehend aus Fotograf, Fahrer, Koch und Physiotherapeut, begleitet und unterstützt mich bei diesem Abenteuer. Ausgestattet mit einem großen Van, in dem unser gesamtes Equipment untergebracht ist, warten sie immer im Abstand von acht bis zehn Kilometern auf mich. Die Gesichter von Tandin, Lhapshering, Kinsang und Yama wirken zuversichtlich und entspannt. Sie machen für mich einen ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck. Während des Laufs unterhalten wir uns über Sport, Frauen, Ziele, Werte und Glück. Bhutan ist weltweit auch als das Land bekannt, dass das Thema Glück in ihrer Verfassung verankert hat. König Jigme Singye Wangchuck, der vierte König des Landes, prägte Anfang der Siebziger Jahre den Begriff Bruttonationalglück als Kriterium für politisches Handeln. Ob die Menschen hier wirklich glücklicher sind als in der westlichen Welt?

Kurz vor Wangdue Phodrang, einer Stadt in Westbhutan, treffe ich auf einen älteren Mann, der vor einem kleinen Haus steht. „Hello“ ruft er mir schon von weitem zu. Er trägt das traditionelle Gewand, den Gho, einem Bademantel ähnelnde Jacke, die ein wenig über das Knie reicht und durch einen Gürtel um die Taille gehalten wird. Die weiten Ärmel enden in weißen Stulpen. Die meist buntfarbene Bekleidung ist Teil der bhutanischen Identität. Ob ich Hunger habe? Ob mir etwas fehle?, fragt er mich mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht. Er will mich, als Fremden, in sein Haus und zum Essen einladen. Zuvorkommend, unbefangen, gastfreundlich und warmherzig – diese Attribute beschreiben die Bhutaner sehr treffend.

Von buddhistischen Orten und Yaks

Stunden um Stunden vergehen. Die Straße schlängelt sich wieder hinauf, umsäumt von beiden Seiten von dichtem Wald. Ein weiterer Pass, der Dochu La, wartet auf mich. Ich komme nur langsam voran. Gehpassagen dominieren immer mehr meinen Rhythmus. Doch dann habe ich den Dochu La auf 3.100 Metern erreicht. Ein großer Chörten, ein Kultbau des tibetischen Buddhismus, und 108 kleinere werden umflattert von unzähligen bunten Gebetsfahnen. Der große Chörten hat die Form einer umgestülpten Glocke und erhebt sich auf einem hohen, abgestuften Unterbau. Ein spiritueller Ort. Wenig später bricht die Nacht herein. Die zweite für mich bei diesem Abenteuer. Seit dem Start gestern Morgen in Trongsa sind bereits dreißig Stunden vergangen. Gut 200 Kilometer habe ich in meinen Beinen. Immer wieder nehme ich im schmalen Schein meiner Stirnlampe ruhende Yaks wahr, die sich neben der Straße hingelegt haben. Schon tagsüber begegne ich dieser Rinderart, die vor allem in Zentralasien verbreitet ist, mit großem Respekt. Doch bei Nacht wirken die großen, finsteren Augen und das dicke Fell dieser imposanten Tiere noch Angst einflößender.

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Auf einmal werde ich hundemüde. „Quäl dich du Sau“, sage ich mir immer wieder. Ich schlafe während des Laufens fast ein. Meine Augenlider werden immer schwerer. Nicht einmal ein Streichholz würde mehr dazwischen passen. Am Simtokha Dzong, drei Kilometer südlich der Hauptstadt Thimphu, gönne ich mir im Van eine halbstündige Schlafpause. Für den prächtigen Dzong, den buddhistischen Klosterburgen in Bhutan, habe ich keine Augen mehr.

Im Ziel – am Tigers Nest

Die letzten Meter sind schon komisch. Ein eigenartiges Gefühl. Nach knapp 260 Kilometer in den Beinen ist die Müdigkeit und sind die Strapazen der vergangenen Stunden auf einmal wie weggeblasen. Serpentine für Serpentine gehe ich leichtfüßig den Berg hinauf. Nochmals knapp 800 Höhenmeter warten auf mich. Das Tigers Nest kommt immer näher und näher. Dann habe ich den Lookout auf 3.140 Meter erreicht. Das Kloster ist zum Greifen nah und doch so weit. Es geht nochmals 350 Treppenstufen runter, vorbei an Butterlampen und bunten Gebetsfahnen, bevor dann weitere 300 Stufen steil hinauf zum Kloster führen. Und das auf 3.000 Meter Höhe. Tief unter mir liegt das Paro-Tal. Guru Rinpoche hat es da leichter gehabt. Auf diesen Mann geht es zurück, dass das Tigers Nest zum bedeutendsten Pilgerort des Landes geworden ist. Der Legende nach flog er im 8. Jahrhundert, auf einer Tigerin sitzend, aus Tibet herbei und landete auf einem Felsabsatz vor einer Höhle. Dort meditierte er drei Monate und brachte danach den Menschen den tantrischen Buddhismus. Aus dieser Geschichte rührt der Name „Tigers Nest“. Dann habe ich es tatsächlich geschafft. Meine Hände berühren, nach 265 Kilometern und 55 Stunden und 45 Minuten, die Felsen des Klosters. Ich bin glücklich und doch irgendwie leer. Mein gesamter Körper zittert – vor Glück und Erschöpfung!

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