Atacama Reisebericht

Norman Bücher

Abenteuer Atacama – Zu Fuß durch die trockenste Wüste der Erde

„Hier ist der Anrufbeantworter von Norman Bücher – break your limits. Schön, dass Sie anrufen. Momentan bin ich nicht zu erreichen. Für Anfragen zu meinen Vorträgen wenden Sie sich bitte …“ Kurz gesagt: Ich bin out of office, bin wieder unterwegs. Chile ist das Ziel. Ich will zum ersten Mal die Faszination Wüste entdecken. Genauer gesagt, die Atacama Wüste, die als die trockenste und höchstgelegene Wüste der Erde gilt. Zugegebenermaßen tue ich mich mit Superlativen schwer. Gleichzeitig lösen sie eine ungemein große Begeisterung auf mich aus. Ob sie es waren, die mich letztendlich dazu brachten, dass meine Wahl für das nächste Ziel auf die Atacama Wüste fiel? Oder vielleicht das einzigartige Klima? Die vielseitige Landschaft? Die extremen Temperaturschwankungen? Oder die null Prozent Luftfeuchtigkeit und nahezu 100 Prozent Stille, die es hier gibt?

Als ich zum ersten Mal die Bilder meines Lauffreundes Axel, der im Jahr 2002 in dieser Wüste war, gesehen habe, hat es mir schon den Atem verschlagen. Doch was ich schon bald selbst erfahren werde, ist nur schwer in Worte zu packen.

14 Marathons an 14 Tagen

Ich will die Atacama Wüste in Chile durchqueren. 600 Kilometer in 14 Tagen. Das bedeutet 14 Marathondistanzen an 14 aufeinanderfolgenden Tagen. Es ist ein großes Ziel. Ein toller Plan. Ich bin zuvor noch nie so weit gelaufen. Meine Erfahrungen in Bezug auf Etappenrennen beschränkten sich zum damaligen Zeitpunkt auf den IsarRun, bei dem es insgesamt 333 Kilometer in fünf Tagen zu bewältigen galt. Von der Mündung bis zur Quelle der Isar. Dies stellte im Jahr 2007 meinen allerersten Etappenlauf dar. Bis heute ist es für mich eine prägende Erfahrung, weil ich vorher nicht vorstellen konnte, über fünf Tage täglich eine Distanz von 60 Kilometern und mehr zu laufen. Eine weitere, wichtige Erfahrung war definitiv der Swiss Jura Marathon im Juli 2008. Bei diesem wunderschönen, anspruchsvollen Landschaftslauf läuft man 350 Kilometer und 11.000 Höhenmeter in sieben Tagesetappen. Von Genf nach Basel – immer auf dem Höhenweg des Schweizer Jura. Nach fünf Etappen musste ich das Rennen verletzungsbedingt abbrechen. Das bedeutete damals mein erstes „DNF“ (Did Not Finish) und war sehr bitter für mich. Im Jahr 2009 lief ich das Himalaya 100 Mile Stage Race in Indien. Bei diesem Rennen galt es insgesamt 161 Kilometer und knapp 7.000 Höhenmeter in fünf Tagesetappen zurückzulegen. Diese Läufe waren unglaublich prägend und spannend für mich. All diese Abenteuer waren von einem Veranstalter organisiert. Chile wird eine ganz neue Erfahrung für mich, körperlich wie mental. Und vor allem: Dieses Mal gibt es keinen Veranstalter, keine markierte Strecke, keine Mitläufer und keine Zuschauer. Ich betrete Neuland. Es wird mein erstes eigenes, selbstorganisiertes Laufabenteuer werden. Doch ich brauche neue Herausforderungen. Sie bedeuten für mich Wachstum und Weiterentwicklung. Sie sind für mich die Essenz des Lebens.

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Herausforderung Aschewolke

Schon die Anreise nach Chile ist ein Abenteuer für sich. Mit großer Vorfreude komme ich am 8. Mai 2010 am Frankfurter Flughafen an, wo ich meine Freunde Christian und Benjamin, die mich bei diesem Abenteuer begleiten, treffe. Wir sind alle ein wenig nervös und angespannt. Gleichzeitig freuen wir uns auf das bevorstehende Abenteuer. Doch die Freude erhält schon bald einen ersten Dämpfer, denn als wir am Schalter unserer Airline einchecken wollen, wird uns mitgeteilt, dass unser Flug wegen der Aschewolke über Island ausfällt. Scheiße, das darf doch wohl nicht wahr sein! Da bereitest du dich Wochen und Monate minutiös vor und dann so etwas! „Ruhig bleiben und positiv denken“, sage ich mir. Und es scheint tatsächlich zu funktionieren, denn eine Stunde später erhalten wir einen Ersatzflug über Brasilien, so dass wir nur mit knapp sechs Stunden Verspätung in Chile ankommen.

Alleine laufen? Was soll‘s

Fünf Tage später. Wir befinden uns im hohen Norden Chiles, irgendwo in der Pampa. Das heißt nicht ganz. Von Weitem können wir noch die Stadt Calama ausmachen, eine der trockensten Städte der Welt. Knapp 2.000 Meter über dem Meeresspiegel. Jetzt stehe ich hier auf einer abgelegenen Schotterpiste, südlich von Calama, und freue mich auf den Start. Ich bin froh, hier sein zu dürfen. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre: keine anderen Läufer, keine Zuschauer, kein Gedränge, keine Hektik, keine Musik. Nicht die übliche Startprozedur wie bei großen Laufveranstaltungen. Ganz entspannt stehe ich hier am Rande der Wüste und freue mich, dass ich gleich loslaufen darf. Und zwar ganz alleine. Ein Gefühl der Freiheit macht sich in mir breit. Christian und Benjamin nehmen ein großes Stück von der Klopapierrolle. Nein, sie wollen keinem Bedürfnis nachgehen. Das dünne Papier hat gleich eine ganz andere Funktion: Es markiert den Start. Den Start zu meinem bisher längsten Lauf. Ich ziehe nochmals die Gurte meines Rucksacks enger. Sitzt er optimal? Passt alles? Ja, das wird schon. Als Christian und Benjamin schließlich von zehn rückwärts zählen rutscht mir mein Herz fast in die Hose. Jetzt geht es endlich los: 600 Kilometer, über 6.000 Höhenmeter, vierzehn Tagesetappen durch eine der trockensten und beeindruckendsten Landschaften der Erde.

Einsamkeit und Stille als ständige Begleiter

Ich genieße die ersten Stunden des Laufens und des Alleinseins. Außer der endlosen Weite Wüste gibt es nichts um mich herum. Sand und Schotter, so weit das Auge reicht. In der Ferne kann ich die prächtigen, mit Schnee bedeckten Gipfel der Anden ausmachen. Eine Kulisse, wie gemalt. Ich genieße die Ruhe um mich. Eine Stille, wie ich sie zuvor noch nie erlebt habe. Nur das Auftreten meiner Laufschuhe auf der staubigen Piste nehme ich wahr. Drei Elemente bestimmen diese ersten Stunden in der Wüste: die Weite, die Stille und das tiefe Blau des Himmels. Keine einzige Wolke bedeckt ihn. In einem sehr verhaltenen Tempo, 6:30 Minuten pro Kilometer, bin ich unterwegs. Ökonomisch und kräfteschonend, lautet meine Devise, denn nach dem heutigen Tag liegen noch weitere dreizehn Etappen vor mir. Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig und trotz der warmen Temperaturen schwitze ich überhaupt nicht. Schon nach den ersten Stunden stellt sich eine gewisse Monotonie ein. Mein Kopf ist leer, die Einsamkeit gegenwärtig, und die Einförmigkeit der endlosen Weite beeindruckend und beängstigend zugleich. Keine Menschenseele weit und breit. Keine Stimmen. Nichts. Absolute Stille. Ohne Wind knallt die Sonne brutal auf Nacken und Rücken. Es ist heiß und trocken. Doch ich kann keine einzige Schweißperle auf meiner Haut ausmachen. Du musst trinken, geht es mir immer wieder durch den Kopf. Trinken – trinken – trinken. Das wichtigste Gut in diesen Tagen trage ich auf dem Rücken: Wasser. Davon kann ich gar nicht genug bekommen. Bis zu zehn Liter am Tag nehme ich zu mir.

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Teamwork ist alles

„Hallo Chris. Verstehst du mich? Hallo?“ Nichts. Ich versuche es nochmals. Und noch ein Mal. Aber außer einem Rauschen höre ich nichts. Dabei hätte ich mich riesig über ein wenig Kommunikation gefreut. Eine vertraute Stimme zu hören inmitten dieser großen Fremde. Doch der Empfang des Funkgeräts scheint tot zu sein. Was nun? Wie sollen wir uns in der Wüste verständigen können? Noch fünf Kilometer bis zum nächsten, vereinbarten Treffpunkt. Alles wird gut. Christian und Benjamin sind ja immer in überschaubaren Abständen vor oder hinter mir. Doch die Kilometer ziehen sich auf dieser kerzengeraden Piste wie die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Endlich kann ich in der Ferne den Toyota Landcruiser meines Teams ausmachen. „Yes, wieder vierzehn Kilometer geschafft“, bestärke ich mich. „Heute schon gefunkt?“, frage ich Chris mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Doch er hat es ebenfalls probiert – ohne Erfolg. Wir beschließen, die Intervalle, an denen wir uns treffen, zu verkürzen. Von nun an wartet mein Team in Abständen von sieben bis zehn Kilometern auf mich. Das bedeutet mir sehr viel. Die gemeinsamen Momente sind es, die mich durch ein Tief bringen. Chris und Benni treiben mich an und geben mir innere Stärke. Denn die beiden sind nicht nur sehr gute Freunde von mir, sondern bei diesem Abenteuer auch Zuhörer, Organisatoren, Fahrer, Fotograf und Koch in zwei Personen. Nach einer leckeren Nudelsuppe hole ich mir noch ein paar Müsliriegel aus dem Auto. Doch erst mal welche finden. In welchem Karton sind die nochmals? Unser Geländewagen ist auch voll beladen: Klamotten für jedes Wetter, über 100 Liter Wasser, sechs Ersatzkanister mit Benzin, Reserveräder, GPS-Gerät, Kartenmaterial sowie dutzende Energieriegel und Essensvorräte stellen nur einen Teil unserer Ausrüstung dar. Ohne das entsprechende Equipment bist du nicht in dieser Wüste. Wenn du etwas vergessen oder falsch kalkuliert hast, kann es sogar lebensbedrohlich werden.

Eine Wüstenoase als Ruhepunkt

Wow, wie im Paradies! Unglaublich! Das ist ja der absolute Hammer! Kontrastreicher hätten die Landschaften nicht sein können. Von der öden, monotonen und trockenen Sand- und Schotterpiste laufe ich in ein Tal, das sich durch saftig grüne Wiesen, einer reichen Vegetation und einem rauschenden Bach auszeichnet. Eine Wohltat für die Sinne. Nach dem Start in Calama erreichen wir nun am Ende von Tag zwei die Wüstenoase Caspana. Der malerische Ort liegt auf 2.700 Meter Höhe, eingeklemmt in einer Felsenschlucht, die wie eine Miniaturausgabe des Grand Canyons wirkt. Als ich die Route für dieses Abenteuer zusammenstellte, spielten die Kriterien Sicherheit, Vielseitigkeit und Schönheit der Landschaft eine wesentliche Rolle. Gerade bei Letzterem bekommen wir in Caspana einiges geboten.

Caspana erscheint wahrhaftig aus dem Nichts. Die knapp 400 Bewohner leben in kleinen Steinhäusern und bauen auf Terrassen Gemüse und Blumen an, die sie auf dem Markt in Calama verkaufen. Sogar ein archäologisches Museum beinhaltet das kleine Andendorf. Caspana ist auch bekannt für seine Architektur mit Liparita Steinen, für seine Dächer mit Stroh und Lehm und für ihre schmalen, gepflasterten Straßen. Quechua ist die Sprache, die die Einheimischen hier sprechen. Auf die tief verwurzelten Andischen Traditionen wird viel Wert gelegt. Der Fluss, der sich durch das kleine Dorf schlängelt, stellt die Bewässerungsanlage für den Obst- und Gemüseanbau dar. Salat, Petersilie, Koriander, Bohnen werden hier angebaut. Nach der Etappe schlendern wir noch durch das Dorf und lassen unsere Blicke schweifen. Lamas, Ziegen, Alpacas, Esel und Schafe kann ich ausmachen. Ein friedlicher Ort. Von der Hektik, dem Lärm und den Menschenmassen, die wir in den westlichen Industrienationen gewohnt sind, keine Spur. Ein leckeres Abendessen mit den gastfreundlichen Hausherren rundet diesen ereignisreichen Tag ab. Wir genießen den Luxus in einem einfachen, aber komfortablen Bett schlafen zu dürfen.

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Trocken, trockener, Atacama

Die Atacama gilt als die trockenste Wüste der Erde. Es gibt Orte in der Atacama, für die es seit Menschengedenken keinerlei Aufzeichnungen über auch nur einen einzigen Tropfen Regen gibt. Diese extreme Trockenheit erklärt sich durch den Einfluss des Humboldtstroms, der kaltes Wasser aus der Antarktis bringt, das die Oberfläche des Pazifiks abkühlt. Dadurch gibt es kaum Verdunstung, aber umso mehr Nebel entlang der Küste. Und die im Osten ansteigenden Anden verhindern wie eine riesige Mauer, dass feuchte Luft aus dem Amazonasbecken in die Atacama gelangt. So steht es in meinem Reiseführer, den ich vor diesem Abenteuer intensiv studiert habe. Es ist also extrem trocken hier. Und genauso fühle ich mich auf der dritten Etappe. Meine Zunge ist hart wie Schmirgelpapier und fühlt sich an, als läge sie in einem riesigen Sandkasten. Hinzu kommt die Höhe. Als wir vor drei Tagen in Calama gestartet sind, hatten wir noch Sonne und einen blauen Himmel. Doch da sind wir noch auf einer Höhe von knapp 2.000 Meter gewesen. Jetzt befinden wir uns auf fast 3.000 Metern über dem Meeresspiegel. Die Luft wird immer dünner und dünner und vor allem merklich kälter. Mein Herz rast, meine Lungen brennen und verlangen nach einer Extraportion Sauerstoff. Wie im Zeitlupentempo kommen mir meine Bewegungen vor. Ich keuche, ich schnaufe, ich japse – wie ein ausgelaugter Hund, der von einer ausgedehnten Jagd zurückgekehrt. Mein Höhenmeter zeigt mittlerweile 3.200 Meter an. Doch es geht noch höher. Das heutige Etappenziel heißt El Tatio bei den weltbekannten Geysiren, die auf einer Höhe von knapp 4.300 Metern liegen. Der Vulkan El Tatio befindet sich auf einer Höhe von 4.280 Metern über dem Meeresspiegel. Am Fuß dieses Vulkankraters befindet sich ein Geothermalgebiet mit Geysiren und heißen Quellen. Von 110 eruptierenden Quellen wurden mehr als 80 als echte Geysire identifiziert, von denen über 30 andauernd aktiv sind. Es handelt sich um das größte Geysirfeld der Südhalbkugel. Doch bis ich die Schönheit der Geysire begutachten darf, liegt noch ein langer und beschwerlicher Weg vor mir. Eine endlos erscheinende, leicht ansteigende Sandpiste bildet den Untergrund. Und diese Piste scheint kein Ende zu haben. Selbst in dieser unglaublichen Weite bekommst du einen Tunnelblick und siehst nur einen winzigen Ausschnitt aus dieser gewaltigen Wüste. Mein Fokus richtet sich immer nur auf den jeweils nächsten Schritt. Ich bin nur im Hier und Jetzt. Alles andere ist in diesem Moment ausgeblendet. Meter für Meter komme ich voran. Ab und an tauchen trostlos erscheinende Büsche am Wegesrand auf. An welchem Punkt warten wohl Christian und Benjamin auf mich?

Die Luft wird immer dünner

Plötzlich bewegt sich aus der Ferne etwas auf mich zu. Immer schneller und schneller. Was ist das denn bitte? Als es näher kommt, erkenne ich, dass ein schwarzer, gefährlich aussehender Hund auf mich zustürmt. Wo kommt der denn her? Hier wohnt doch niemand. Und vor allem: Was will der von mir? Glücklicherweise stellt sich der Vierbeiner als brav heraus und weicht vorerst nicht mehr von meiner Seite. Ich bin dankbar über diese gesellige Abwechslung. Er scheint mich beschützen zu wollen und läuft immer ein paar Meter voraus, um danach voller Begeisterung wieder zu mir zurückzukommen. Mir kommt es vor, als hätte er nur selten Kontakt zu Menschen. Umso mehr freut er sich, als er mich auf meinem Weg ein Stück begleiten kann. Doch so schnell der Hund aufgetaucht ist, genauso schnell verschwindet er wieder in der Weite der Wüste.

Eine kuriose Begegnung. Doch ich habe keine Muße länger darüber nachzudenken, denn der weitere Streckenverlauf erfordert meine ganze Konzentration. Die Anstiege nehmen immer mehr zu. An ein Lauftempo ist nicht mehr zu denken – Gehpassagen dominieren meinen Rhythmus. Ich komme immer schneller außer Atem und muss kurze Pausen einlegen. Mittlerweile habe ich die 4.000 Meter Grenze überschritten. Jeder hunderte zurückgelegte Höhenmeter bedeutet, dass es wieder einen Grad kälter wird. Die extremen Temperaturschwankungen stellen eines der größten Hindernisse bei diesem Abenteuer dar. In der Nacht fällt das Thermometer häufig unter null Grad, während am Tag Temperaturen bis 30 Grad das Laufen extrem erschweren. Links und rechts des Weges liegen vereinzelt Schneereste. Der alpine Teil dieses Laufs hat spätestens jetzt begonnen. Gefühlsmäßig befinde ich mich heute nicht in einer Sand- und Schotterwüste, sondern beim Yukon Arctic Ultra im eiskalten Kanada. Zwei Paar Handschuhe, eine warme Skimütze und eine dicke Daunenjacke schützen mich vor dem starken Wind und der eisigen Kälte. Wie das dicke Michelin-Männchen Bib, die Werbefigur des Reifenherstellers Michelin, komme ich mir in Anbetracht meiner drei Kleidungsschichten vor. Das fröhliche Winken von Bib ist mir jedoch an diesem Tag vergangen. Der Wind nimmt weiter zu und bläst mir jetzt frontal ins Gesicht. Ich versuche meine Mütze noch tiefer über meine Stirn zu ziehen – ohne Erfolg. Meine Lippen sind seit der zweiten Etappe offen und meine Nase läuft ständig. Das trockene Klima und der Staub hinterlassen ihre Spuren. Durch den starken Wind bemerke ich nicht einmal mehr das Begleitfahrzeug meines Teams, das von hinten an mich heranfährt. „Komm‘ weiter. Das schaut sehr locker aus“, motivieren mich Christian und Benjamin. Dabei hätten sie genauso eine Aufheiterung gebrauchen können, denn stundenlang nur im Auto zu sitzen und bei diesen extremen Bedingungen die Zeit totzuschlagen, ist sicherlich alles andere als angenehm. Doch mir fehlt schlichtweg die Kraft dazu. Jeder Schritt ist ein Kampf mit dem Wind. Als würde ich mit angezogener Handbremse laufen. Mein Atem geht schwerer und schwerer. Meine Beine brennen. Wie die Kolben in einem Motor arbeiten sie unermüdlich. In meinem Kopf rattert es. Wann bin ich im Tagesziel? Wann tauchen endlich die ersten Geysire auf? Dann endlich sehe ich die Kreuzung und das Schild mit der Aufschrift El Tatio. Das heutige Etappenziel ist damit erreicht. Ich habe exakt einen Marathon und über 1.800 Höhenmeter zurückgelegt. Dies stellt sicherlich einer meiner anspruchsvollsten Marathonläufe dar, die ich bisher bewältigt habe. Für die Nacht finden wir glücklicherweise eine kleine Hütte aus Stein, die uns vor dem orkanartigen Wind und der eisigen Kälte etwas Schutz bietet. Für einen Besuch der Geysire habe ich am Abend keine Kraft mehr. Essen und Schlafen sind die einzigen Dinge, die ich heute noch mache.

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Ein heftiger Sandsturm zieht auf

Doch wenn ich dachte, dass es von den äußeren Bedingungen her nicht mehr extremer werden kann, werde ich am nächsten Tag eines Besseren belehrt. Der Wind steigert sich zu einem gewaltigen Sandsturm. Sand, Sand und nochmals Sand. Außer Sand sehe ich stellenweise überhaupt nichts mehr. Wie tausende von spitzen Nadeln schlagen die zahllosen Sandkörner gegen mich. Es heult und pfeift um meine Ohren. Fast roboterhaft setze ich einen Fuß vor den anderen. Schwerfällig, aber ich komme irgendwie voran. Rechts – links – rechts – links … Immer einen Fuß vor den anderen. Doch ich muss häufig stehenbleiben, weil an Laufen bei diesen Bedingungen einfach nicht mehr zu denken ist. Der Weg ist schwer auszumachen, der Sturm verwandelt diesen in eine einzige Staubwolke. Es fällt mir ungemein schwer, mich überhaupt vorwärts zu bewegen. Gedanken an „Lothar“, das Orkantief, das im Jahr 1999 über West- und Mitteleuropa hinweggezogen war, gehen mir durch den Kopf. Gewisse Parallelen sind nicht zu übersehen. Mit welch einer Geschwindigkeit wohl solch ein Sturm über die Erde peitscht? 80, 90 Kilometer pro Stunde? Irgendwann wird es für mich unerträglich und ich steige in das parkende Auto meines Teams. Auch Christians und Benjamins Gesichter wirken angestrengt und frustriert angesichts des starken Sandsturmes. „Willst du weiterlaufen?“, fragt mich Benjamin. „Natürlich will ich weiterlaufen“, gebe ich ihm zu verstehen. Ehrlich gesagt, weiß ich in diesem Moment nur, dass ich es will. Mir ist aber unklar, wie und vor allem wann. Körperlich fühle ich mich fit und wäre sofort weitergelaufen, wenn ich denn könnte. Doch die Natur zeigt mir in diesem Augenblick sehr deutlich die Grenzen auf. Mir wird schlagartig bewusst, wie klein wir Menschen gegenüber der mächtigen Natur sind. Da kannst du alle Willenskraft der Welt auf einmal aufbringen, wenn die Natur aber einen Riegel in Form eines Sturmes, Orkans, Erdrutsches oder Tsunamis davorschiebt, bist du machtlos. Du kannst vielleicht gegen dich und deinen eigenen inneren Schweinehund ankämpfen, aber niemals gegen Mutter Natur. Ich weiß nicht warum, aber diese Erkenntnis stimmt mich wieder positiv. „Das kannst du nicht beeinflussen“, sage ich mir . „Du kannst aber dich und deine Stimmung beherrschen.“ Das gelingt mir jedoch nur bedingt. Ich bin ungeduldig wie ein Rennpferd, das endlich los will. Glücklicherweise hat die Natur wenig später ein Einsehen und der Sturm schwächt sich etwas ab. Frohen Mutes steige ich aus dem Auto und laufe weiter.

Im Flow ins Tal

Wie ein Bekloppter renne ich die Sandpiste hinunter. Ich kann wieder laufen. Endlich. Von über 4.000 Metern geht es runter auf fast 2.500. Im Flow stürze ich dem Tal entgegen. Ich vergesse alles um mich herum. Will nur laufen. Die Atacama zeigt nun ein anderes Gesicht. Sturm und Kälte gehen –Sonne und Wärme kommen langsam wieder zurück. Und wie schnell ich unterwegs bin! In der Ferne taucht schon der Toyota auf. Mein Herz schlägt schneller. Euphorisiert lege ich nochmals etwas Tempo zu. Meine Laufuhr zeigt exakt 50 Kilometer an. Auch diese Etappe habe ich erfolgreich beendet. Umziehen, waschen, essen – so lauten die nächsten Aufgaben. Dann setze ich mich ein wenig erschöpft und zufrieden in meinen Klappstuhl. Ich sitze einfach nur da. Ansonsten mache ich nichts. Gar nichts. Wie schön das Leben doch ist, wenn es einfach ist. Einfach nur da zu sein, in der Wüste zu sitzen, die Umgebung bewusst wahrzunehmen und jedes Detail in sich aufzusaugen. Ich lasse meinen Blick schweifen und sehe die prächtige Andenkette mit ihren schneebedeckten Gipfeln und die wechselnden Farbnuancen am Himmel. Wie in einem Film. Es stellt für mich ein Stück Freiheitt dar, hier in einer der reizvollsten Landschaften der Erde sein zu dürfen. Kein Geld der Welt kann solch einen Moment ersetzen. Die Nudeln mit Thunfisch und Gurken sowie die Aprikosen aus der Dose schmecken wie ein Fünf-Gänge-Menü in einem Nobelrestaurant. Genau diese Einfachheit empfinde ich als absolutes Privileg. Ich brauche keine Hotels, kein Bett, keine materiellen Dinge. Back to the roots! Man benötigt im Leben nicht viel, um glücklich zu sein. Wir sitzen einfach nur auf unseren Klappstühlen, weit weg jeglicher Zivilisation, unterhalten uns und genießen die traumhafte Umgebung, in der wir uns befinden. Das bedeutet für mich Lebensqualität. Wenig später krieche ich in meinen Schlafsack. Den Eingang meines Zeltes lasse ich offen, um die unzähligen Sterne am Himmel begutachten zu können. Ein wahnsinniger Anblick, der mich beruhigt in meine Träume sinken lässt.

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No risk, no fun?

„So können wir nicht weitermachen. Diese Route ist zu gefährlich. Das ist viel zu riskant.“ Irgendwie hat Chris recht, obwohl ich mich nur schwer mit diesem Gedanken anfreunden kann. „Welche Möglichkeiten haben wir denn?“, frage ich in die Runde. Alle drei fixieren wir gespannt die riesige Karte, die ausgebreitet auf dem Tisch liegt. Vor ein paar Stunden sind wir in San Pedro de Atacama angekommen. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich diese Oase in der Wüste auf. San Pedro ist ein idyllisches Dorf mit 4.000 Einwohnern inmitten der Wüste. Die weiten Sandebenen, vereinzelte Bäume und spektakuläre Felsformationen der Anden zeichnen ein imposantes Panorama um dieses Städtchen. Besonders die markante Form des Vulkans Licancabur mit seinen 5.916 Metern sticht hervor. Fünf Etappen liegen hinter uns. Christian und Benjamin haben Bedenkungen wegen der weiteren Streckenführung. Unsere Funkgeräte funktionieren nicht.

Zudem befindet sich auf unserem GPS-Gerät nicht die Karte, die wir für den weiteren Streckenverlauf dringend benötigen. Ihrer Meinung nach ist die geplante Route ohne dieses Equipment zu gefährlich. Ohne Frage, wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Wir haben eine enorm wichtige Entscheidung zu fällen, die den weiteren Verlauf dieses Projekts erheblich beeinflusst.

„Die kommenden zwei Etappen geht es parallel dem Salzsee entlang. Immer weiter in den Süden. Aber dann?“ Den ganzen Abend besprechen wir intensiv mögliche Alternativen. Mir wird bewusst, dass wir zum ersten Mal seit dem Start in Calama über mehrere Stunden zusammen sitzen und miteinander sprechen. Das tut gut. Das ist wichtig. An diesem Abend wird mir klar, dass wir ein gutes Team sind, dass wir menschlich zueinander passen, dass wir offen und ehrlich über auch unangenehme Dinge sprechen können, faire Diskussionen führen und auch bei wichtigen strategischen Entscheidungen weiter an einem Strang ziehen. Nach sorgfältiger Recherche vor Ort kommen wir auf eine neue Route, die von der Distanz fast identisch zur alten ist, jedoch um einiges berechenbarer erscheint als die ursprüngliche Strecke.

Im Tal des Mondes

Nahe San Pedro liegt das wunderschöne Vallee de la Luna – das Tal des Mondes. Dieses vegetationsarme Gebiet erinnert in der Tat an die Oberfläche des Mondes. Bizarre Felsformationen wechseln sich hier ab mit majestätischen Sanddünen, dazwischen immer wieder weiße Salzflächen. Der Tag neigt sich dem Ende zu und die Sonne ist fast schon hinter dem Horizont verschwunden. Wir sitzen auf einer Düne und genießen diesen traumhaften Sonnenuntergang. Genauer gesagt: Benjamin und ich sitzen. Der Aktivitätsgrad von Christian nimmt hingegen zu. Mit seiner Kamera hält er diese fantastische Stimmung bildlich fest. Mit jeder Minute ändern sich die Farben. Die Felsen schimmern erst orange, dann gold, violett, pink und schließlich rot. Was für ein spektakuläres Naturschauspiel! Das ist schwer in Worte zu packen.

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Beinhart und wunderschön

„Was ist das denn bitte dort drüben?“, frage ich mich. Tausende und Abertausende futuristisch wirkende Gesteinsformationen liegen zu meiner rechten Seite. Sind das wirklich Steine? Bei genauerer Betrachtung erkenne ich, dass es sich um Salzkristalle handelt, die aus dem trockenen Wüstenboden ragen. Wie Tausende spitzer Dolche sehen sie aus. Diese Salzkrusten mit den Quarzsteinen blitzen und funkeln in der Sonne. Einige Gebilde erheben sich gut einen halben Meter hoch aus dem Boden. Der sieht fast aus wie eine Katze, geht es mir durch den Kopf. Mit etwas Fantasie lassen sich bei den Kristallen diverse Figuren erkennen. Der gewaltige Salar de Atacama tritt in Erscheinung. Dieser ist Chiles größter Salzsee, gut fünfmal so groß wie der Bodensee. Wohin ich auch blicke: Salze, Salze und nochmals Salze. Nachdem ich in den letzten Tagen noch alpine Verhältnisse, Canyons und Sanddünen erlebte, durchlaufe ich jetzt weites, flaches Buschland, das mich ein wenig an Australien erinnert. Nur ganz wenige, blätterlose Bäume säumen den Weg. Eine staubige Schotterpiste dient weiter als Laufuntergrund. Ein bis zwei vorbeifahrende Autos pro Tag stellen eine der ganz der wenigen Abwechslungen dar. Doch der Weg zieht sich gewaltig, ohne eine einzige Kurve verläuft er immer kerzengerade. Knapp dreißig Kilometer zeigt mir meine Laufuhr an. Mindestens noch zwölf hast du vor dir. Die Monotonie nimmt wieder zu, meine Begeisterung ab. Wie es wohl meiner Familie zuhause geht? Was sie wohl gerade machen? Beim Gedanken an meine Tochter Marla, die erst zwei Monate alt ist, bekomme ich feuchte Augen. Mir wird in diesem Moment besonders bewusst, wie sehr ich sie vermisse. Ich stelle mir vor, wie meine Frau Sabine und Marla mich in ein paar Wochen am Flughafen empfangen und wir uns in die Arme fallen. Ein wunderbarer Gedanke. Ich brauche solche Gedanken. Ich suche sie ganz bewusst. Denn: Die Einförmigkeit und Einsamkeit zieht mich heute in ihren Bann. Sie scheint mich wie eine riesige Anakonda ihre Beute erdrosseln zu wollen. Ich sehne mich nach Menschen, nach Kommunikation, nach Ablenkung.

Saukalte Nächte

Auch heute klingelt mein Wecker wieder um sechs Uhr. Es ist noch kalt. Schweinekalt. So kalt, dass meine Wasserflasche über Nacht gefroren ist. Meinen Atem kann ich deutlich im schmalen Schein meiner Stirnlampe ausmachen. Ich zittere am ganzen Leib. Verdammt, ist das frisch heute Morgen! Fast schon mechanisch reibe ich meine Hände aneinander, was zumindest für ein paar Sekunden ein Gefühl der Wärme erzeugt. Meine Glieder sind noch steif wie ein Brett und meine Muskeln streiken gegen das Aufstehen. Sie hätten gerne noch etwas die liegende Position beibehalten. Doch mein Kopf hat etwas dagegen. Mein Kopf will weiterlaufen. Mein Magen signalisiert mir mit einem unüberhörbaren Knurren, dass er gerne wieder ein paar Kalorien zu sich nehmen will. Diesen Gefallen tue ich ihm gerne. Der Inhalt meines geliebten Nuss-Nougat-Brotaufstrichs ist hart wie Beton. Müsli ist deshalb angesagt. Mit bibbernden Zähnen schiebe ich mir einen Löffel nach dem anderen in den Mund. „Na ja, hat auch schon mal besser geschmeckt.“ Mit Genuss hat dies sicherlich wenig zu tun. Was hier zählt, ist die Anzahl an aufgenommenen Kalorien. Frühstück ist eben nicht gleich Frühstück. Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause im wohl temperierten Esszimmer und würde genüsslich einen heißen Chai Tee mit extra viel Schaum zu mir nehmen. Hhmm, der Tee duftet verdammt gut. Doch das stellt leider nur mein Wunschdenken dar. Die Realität sieht hier ganz anders aus: dunkel, ungemütlich und vor allem saukalt. Aber ich habe es ja so gewollt. Nur ganz langsam wird es hell. Mein Schweinehund wird noch größer, als ich aus meinem Schlafsack krieche und mich anziehe. Die Szene mit dem Teufel und dem Engel aus einem Otto-Film kommt mir in den Sinn. Der Teufel flüstert mir ins Ohr: „Komm‘, bleib‘ im warmen Schlafsack und leg‘ dich nochmals eine Stunde aufs Ohr.“ Doch der Engel entgegnet dem Teufel: „Das wird wieder ein wunderbarer und ereignisreicher Tag. Auf, los geht’s!“ Fünfzehn Minuten später begebe ich mich auf die nächste Etappe.

Welchen Tag haben wir denn heute? Montag? Dienstag? Erst der Blick auf meine Laufuhr verschafft mir Gewissheit. Das Zeitgefühl kommt mir hier in der Wüste ab und an abhanden. Die Tage ähneln sich. Die Abläufe sind standardisiert. Die Aufgaben optimiert. Routine hat sich eingestellt. Das ist gut so, aber auch gefährlich. Ein einziger Fehler, eine kleine Unachtsamkeit, ein Umknicken des Fußes kann fatale Folgen haben und zum sofortigen Abbruch des Abenteuers führen. Konzentration ist deshalb angesagt. Jeder Tag, jede Etappe, jeder Kilometer zählt. Die Anden sind heute noch klarer auszumachen. Mein Freiheitsgefühl gewinnt beim Anblick dieser Naturschönheit wieder die Oberhand. Meine Gedanken lasse ich bewusst fließen. Viele Dinge gehen mir durch den Kopf. Meine Familie, meine Gesundheit, meine Ziele, mein gesamtes Leben. Ein kleiner Stolperer über einen Stein holt mich mit meinen Gedanken wieder ins Hier und Jetzt.

Kurztrip auf der Panamericana

Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht steige ich an diesem Morgen aus dem Zelt. Ein strahlend blauer Himmel begrüßt mich. Wieder einmal. Ein weiterer Höhepunkt dieses Abenteuers liegt heute vor mir: die Panamericana. Darauf habe ich mich schon die letzten Tage gefreut. Die Panamericana ist ein System von Schnellstraßen, das – mit wenigen Lücken – Alaska mit Feuerland verbindet, sich also über die gesamte Nord-Süd-Ausdehnung des amerikanischen Kontinents erstreckt. In ihrer längsten Nord-Süd-Verbindung ist die Panamericana fast 26.000 Kilometer lang. Eine unglaubliche Zahl. Ich freue mich wie ein kleines Kind nur ein winzig kleines Stück auf dieser Legende, auf diesem Mythos laufen zu dürfen. Doch Panamericana bedeutet gleichzeitig auch: zurück in die Zivilisation. Mittlerweile habe ich schon über 500 Kilometer in den Beinen. Ich bin überwältigt. Überwältigt, was ich bisher erleben durfte. Überwältigt von der Distanz, die ich bisher gelaufen bin. Trotz der vielen Kilometer in meinen Beinen, fühle ich mich ausgezeichnet und könnte Bäume herausreißen. Es ist fast geschafft.

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Nur noch knapp 80 Kilometer trennen mich vom Ziel. Doch die Freude und Träumerei weicht schnell der Realität. Ständiger Lärm, massenweise Müllreste am Wegesrand und vor allem unzählige LKWs bestimmen den weiteren Verlauf unseres Abenteuers. Schon als ich die Ortschaft Baquedano, die als Zwischenstation für die unzähligen LKWs dient, verlasse, spüre ich den Kontrast zu den letzten Tagen. Mit der Stille ist es nun vorbei. Der Lärmpegel nimmt zu. Ein Auto nach dem anderen überholt mich. Ich fühle mich, als befände ich mich auf einer gut befahrenen Bundesstraße in Deutschland und nicht in einem der bevölkerungsärmsten Länder der Erde. Auch der Genuss beim Laufen lässt nun deutlich nach. Sand und Staub schlagen mir ins Gesicht – aber nicht vom Wind in der Wüste, sondern von den Autos und LKWs. Ich will jetzt nur noch nach Antofagasta, dem großen Ziel des Laufs. Meine innere Gewissheit, dass ich bald am Ziel bin, beflügelt mich. Dieses Gefühl wird immer stärker. Mit jedem Schritt nimmt es weiter zu.

Endlich am Meer – endlich am Ziel

Eine tiefe innere Befriedigung erfahre ich, als ich nach 14 langen und ereignisreichen Etappen den Pazifischen Ozean in Antofagasta ausmache. Als ich das Ortsschild von Antofagasta hinter mir lasse, verschlägt es mir den Atem. Ich sehe das Meer! Vor mir erstreckt sich der tiefblaue Pazifische Ozean. Ich bleibe erstmal stehen, damit ich das begreifen kann. Größer können die Kontraste gar nicht sein. Vor ein paar Minuten war ich noch in der sandigen, staubigen Wüste und jetzt sehe ich den Pazifik vor mir. Mir wird bewusst, dass sehr bald das Abenteuer Atacama Challenge zu Ende sein wird. Überglücklich laufe ich die letzten Meter bis zum Hafen.

Ich habe es tatsächlich geschafft. 600 Kilometer in 14 Etappen durch die Atacama Wüste. Ein Traum wird für mich wahr. Christian, Benjamin und ich fallen uns in die Arme. Wir genießen diesen wunderschönen Moment. Die warme Sonne und das Rauschen des Meeres erfüllen uns in diesem Augenblick mit einer sehr selten empfunden Ergriffenheit.