Gobi Reisebericht

Norman Bücher

Im Land der Nomaden – Mit Babyjogger 600 Kilometer durch die Wüste Gobi

Ich bin völlig alleine. Eine grenzenlose Weite und beängstigende Einsamkeit umgeben mich. Keine Menschenseele weit und breit. Ich genieße die Ruhe. Eine Stille, wie ich sie zuvor selten erlebt habe. Nur das sanfte Auftreten meiner Laufschuhe auf der staubigen Piste nehme ich wahr. Ich befinde mich irgendwo in der Mongolei. Genauer gesagt in der Gobi, der nördlichsten Wüste der Erde. Die Gobi liegt in Zentralasien und erstreckt sich über den südlichen Teil der Mongolei und den nördlichen Regionen der Volksrepublik China. Im Sommer steigen die Temperaturen schon mal auf über 40 Grad, während in den Wintermonaten das Thermometer oft auf bis zu minus 40 Grad fällt. Sand, Staub, Stein und Wind sind hier ständige Begleiter. Extreme Bedingungen, die mich zu einem außergewöhnlichen Lauf-Abenteuer inspiriert haben: der EXPEDITION GOBI, einem Sololauf über insgesamt 600 Kilometer in 14 Tagen quer durch die Wüste.

Alleine mit Babyjogger durch die Wüste

Vollkommene Autonomie, also kein Begleitfahrzeug, kein Team und keine motorisierte Unterstützung, das ist mein Anspruch bei diesem Abenteuer. Nicht einmal einen Fotografen, wie noch bei meinem letzten Projekt „FIRE & ICE“ in Feuerland an der Südspitze Südamerikas habe ich an meiner Seite. Daraus folgt, dass ich das vollständige Equipment für die gesamte Laufstrecke, inklusive Zelt, Schlafsack, Kochutensilien, Kleidung sowie aller Wasser- und Essensvorräte mit mir führen muss. Insgesamt fast 40 Kilogramm an Gewicht. Ein umgebauter Babyjogger, mit dem ich normalerweise meine Tochter Marla durch die Gegend schiebe, fungiert dabei als Transportsystem. Mit diesem Gefährt über staubige und sandige Wüstenpfade zu laufen, bedeutet nicht nur ein völlig neues Laufgefühl, sondern beansprucht auch viel mehr Zeit und Energie.

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Durchschnittlich lege ich pro Tag ein bisschen mehr als eine Marathondistanz zurück. Hinzu kommt die Dokumentation dieses Abenteuers per Foto und Film, das dieses Mal neben dem Laufen, dem Zeltaufbau, dem Kochen, dem Versorgen auch in meinen Aufgabenbereich fällt. Ein vielschichtiges und spannendes Projekt, das komplettes Neuland für mich bedeutet. Ulaanbaatar, die Hauptstadt der Mongolei, ist am 30. September 2014 der Ausgangspunkt zu dieser Expedition.

Schlafen unter dem Sternenhimmel

Wohin ich auch schaue. Nichts außer Wüste. Die Dimensionen in diesem Land sind gigantisch. Die Mongolei, viereinhalb mal so groß wie Deutschland, wird lediglich von 3,18 Millionen Menschen bewohnt und ist somit der am dünnsten besiedelte unabhängige Staat der Welt. Allein 40% der gesamten Bevölkerung lebt in Ulaanbaatar. Das südliche Drittel der Mongolei wird von der Gobi dominiert. Streng genommen ist die Gobi jedoch gar keine Wüste, sondern eine Halbwüste oder Wüstensteppe. Nur drei Prozent bestehen aus Sand, der Rest aus überwiegend kahlen Felsformationen. Nach anfänglichen Problemen mit der Orientierung komme ich gut voran. Etwas holprig und steinig sind die Pfade, die ein gleichmäßiges Lauftempo fast unmöglich machen. Ein Höhepunkt bei diesem Abenteuer ist es, jeden Abend mein Zelt inmitten dieser sagenhaften Kulisse aufschlagen zu dürfen. Einfach nur da zu sein, in der Wüste zu sitzen, die Umgebung bewusst wahrzunehmen und jedes Detail in sich aufzusaugen. Die schier endlose Weite der Wüste, die wechselnden Farbnuancen am Himmel oder den beeindruckenden Sternenhimmel. Es stellt für mich ein großes Stück Freiheit dar, hier in einer der für mich reizvollsten Landschaften der Erde sein zu dürfen. Kein Geld der Welt können solche Momente ersetzen. Die Fertignudeln mit Tomatensoße aus der Tüte sowie eine Handvoll Macadamianüsse als Dessert schmecken wie ein Fünf-Gänge-Menü in einem Nobelrestaurant. Genau diese Einfachheit empfinde ich als absolutes Privileg. Mit einem zufriedenen Lächeln liege ich abends in meinem warmen Schlafsack und lausche dem sanften Wind, der gegen mein Zelt weht.

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Kälte und Wind als ständige Begleiter

Auch heute klingelt mein Wecker wieder um sechs Uhr. Es ist noch dunkel und kalt. Schweinekalt. So kalt, dass meine Wasserflaschen über Nacht gefroren sind. Meinen Atem kann ich deutlich im schmalen Schein meiner Stirnlampe ausmachen. Ich zittere am ganzen Leib. Fast schon mechanisch reibe ich meine Hände aneinander, was zumindest für ein paar Sekunden ein Gefühl der Wärme erzeugt. Die Wüste Gobi ist für ihre extremen Temperaturschwankungen bekannt. Auf bis zu minus 13 Grad fällt das Thermometer während meiner Reise. Mir kommt es so vor, als befinde ich mich nicht in einer Steppenwüste in Zentralasien, sondern beim Yukon Arctic Ultra im eiskalten Kanada. Mit zwei Paar Handschuhen, einer warmen Sturmhaube und einer dicken Daunenjacke bewege ich mich Schritt für Schritt vorwärts. Links und rechts des Pfads liegen vereinzelt noch Schneereste. Ein ständiger Begleiter ist der Wind, der mir speziell am Nachmittag frontal ins Gesicht bläst. Meine Lippen sind seit der zweiten Etappe offen und meine Nase läuft ständig. Das trockene Klima und der viele Staub hinterlassen ihre Spuren. Eine Herde Wildkamele, die ich in der Ferne ausmachen kann, sorgt für eine willkommene Abwechslung. Bestimmt an die 30 Tiere, die mich von Weitem neugierig anstarren. Das Wildkamel galt lange Zeit als ausgestorben, bis der russische Offizier und Forschungsreisende Przewalski am zentralasiatischen Salzsee Lop Nor das Wildkamel im Jahre 1877 wieder entdeckte.

Zuvorkommend, gastfreundlich und warmherzig

Die Mongolei ist in 21 Provinzen unterteilt. Eine davon ist die Dundgov, die Mittelgobi, in der ich mich ab der vierten Etappe befinde. Rein geografisch betrachtet bin ich im nördlichsten Teil der Gobi. Eine karge Landschaft mit nur wenigen Sträuchern und Gräsern umgibt mich. In der Ferne mache ich ein paar Gers, die traditionellen Zelte der Nomaden und zwei Reiter aus, die schnurstracks auf mich zukommen. Mit einem breiten Lächeln und einem freundlichen Hello begrüßen mich zwei junge Männer. Kaum älter als 20 Jahre. Sie stellen sich als Diggy und Bee Bee vor. Einer von ihnen spricht etwas englisch. Ob ich Hunger habe? Ob mir etwas fehle? Sie bitten mich ihnen zu folgen. Je näher ich den Gers komme, umso mehr Menschen erblicke ich. „Wir sind eine große Familie“, erklärt mir Diggy. Alle betrachten mich mit großer Neugierde. Eine beeindruckende Ruhe und Gelassenheit strahlen ihre Gesichter aus. Besonders mein Babyjogger hat ihr Interesse geweckt. Fast jeder will ihn einmal anfassen und mit ihm eine Runde drehen. Diggy bittet mich in eines der insgesamt fünf Zelte hinein. Hier drinnen ist es kuschelig warm. Einen kleinen Tisch, ein paar Stühle und vier Betten mache ich aus. In der Mitte befindet sich ein Ofen. Ein großer Topf mit Milch steht darauf. Ich fühle mich pudelwohl, obwohl fast keiner englisch spricht. Doch wir lachen, schauen gemeinsam Fotos an und verständigen uns irgendwie mit Händen und Füßen. Eine Schale mit Stutenmilch wird mir gereicht. Dazu Kekse und eine Schüssel mit Pferdefleisch. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus schmackhaft. Besonders beeindruckt bin ich von der Jurte. „Sie besteht aus einem runden Holzgerüst, das mit Baumwoll- und Filztextilien eingedeckt wird. In weniger als einer Stunde kann sie abgebaut und an einem anderen Ort schnell wieder aufgebaut werden. Für den Transport reichen zwei Kamele oder ein kleiner Geländewagen aus. Vier bis sechsmal im Jahr ziehen wir um“, erzählt mir Diggy stolz. „Unsere Tiere benötigen ständig neue Weideflächen.“ Über 1.000 Pferde und gut 2.000 Schafe darf die Familie ihr Eigen nennen. Die Beziehungen der Nomaden zu ihren Tieren sind außergewöhnlich eng in der Mongolei. Besonders das Pferd spielt eine herausragende Rolle. Nomadenkinder sitzen bereits mit vier Jahren im Sattel, und Siebenjährige reiten beim Nationalfest „Naadam“ kilometerlange Rennen, um Zuchtergebnisse vorzuführen. Beim Abschied bekomme ich einen Leib Brot und zwei Flaschen mit Milch überreicht. Zuvorkommend, unbefangen, gastfreundlich und warmherzig – diese Attribute beschreiben die Mongolen sehr treffend. Selten zuvor habe ich mich als Fremder so willkommen gefühlt wie hier bei den Nomaden in der Wüste.

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Wieder in der Zivilisation

Mittlerweile bin ich in der Provinz Ömnögov, in der Südgobi angekommen. Die Landschaft erscheint mir nochmals karger, einsamer, steiniger. Vereinzelt begegne ich Hirten, die auf Pferden oder Motorrädern ihre Rinder- und Schafherden vorantreiben. Eine tiefe innere Befriedigung erfahre ich, als ich am vierzehnten Tag meines Laufs von weitem die ersten Häuser von Dalanzadgad sehe. Willkommen in der Zivilisation. Dalanzadgad erscheint wirklich aus dem Nichts und stellt einen kleinen Zivilisationspunkt in der Weite der Wüste dar. Gut 17.000 Menschen leben hier. Wenig später passiere ich das Ortsschild. Ich es tatsächlich geschafft. 600 Kilometer in 14 Etappen durch die Wüste Gobi. Ein Traum geht damit für mich in Erfüllung.