Feuerland Reisebericht

Norman Bücher

Am Ende der Welt – Mit Babyjogger 600 Kilometer durch Feuerland

Die Schotterpiste nimmt einfach kein Ende. Sie führt kreuz und quer über die Insel. Mal geht es bergauf, mal bergab. Nur selten verläuft der Weg in der Ebene. Um mich herum nichts als Natur. Eine grenzenlose Weite und beängstigende Einsamkeit umgeben mich. Keine Menschenseele weit und breit. Ich befinde mich irgendwo in der Pampa Patagoniens im äußersten Süden Chiles. Genauer gesagt in Feuerland, der größten Insel Südamerikas. Tierra del Fuego („Land des Feuers“), wie Feuerland im Spanischen heißt, liegt ganz im Süden des amerikanischen Kontinents und ist durch die Magellanstraße vom südamerikanischen Festland getrennt. Nur die Antarktis liegt noch südlicher. Die zwischen Argentinien und Chile geteilte Insel bietet eine ganz eigene Pflanzen- und Tierwelt und hat mich schon jahrelang in den Bann gezogen. Nun darf ich endlich hier sein. Die Abgeschiedenheit und Einöde sowie die wilde und raue Landschaft Feuerlands faszinieren mich. Hier kann sich das Wetter innerhalb von wenigen Minuten komplett verändern. Diese extremen Bedingungen haben mich zu einem außergewöhnlichen Laufabenteuer veranlasst: „FIRE & ICE“, einem selbstorganisierten Lauf über insgesamt 600 Kilometer in zwölf Tagen quer durch Feuerland.

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Selbstversorger in der Pampa

Vollkommene Autonomie, also kein Begleitfahrzeug, kein Team und keine motorisierte Unterstützung, das war mein Anspruch bei diesem Abenteuer. Daraus folgt, dass ich das vollständige Equipment für die gesamte Laufstrecke, inklusive Zelt, Kochutensilien, Kleidung sowie aller Wasser- und Essensvorräte mit mir führen muss. Insgesamt fast 50 Kilogramm an Gewicht. Ein umgebauter Babyjogger, mit dem ich normalerweise meine Tochter Marla durch die Gegend schiebe, fungierte dabei als Transportsystem. Mit diesem Gefährt über staubige und sandige Wellblechpisten zu laufen, bedeutete nicht nur ein völlig neues Laufgefühl, sondern beanspruchte auch viel mehr Kraft und Energie. Definitiv ein sehr ambitioniertes Ziel, das ich mir gesetzt hatte. Neben dem Babyjogger war noch Carole Pipolo, eine französische Journalistin und Fotografin mit von der Partie, die mich auf dem Rad begleitete und dieses Laufabenteuer fototechnisch dokumentierte.

Unerwartete Herausforderungen schon zu Beginn

Als ich am 17. März 2014 in Porvenir, mit 5.000 Einwohnern die größte Stadt auf der chilenischen Seite Feuerlands, die ersten Meter unter meine Füße nahm, ahnte ich noch nicht, was mich in den kommenden Tagen alles erwarten wird. Da war zum einen der Babyjogger, bei dem am Ende von Etappe 2 auf der linken Seite die Achse brach. Ein lautes Knacken und nichts ging mehr. Mir blieb fast das Herz stehen. Ich konnte es nicht fassen und starrte verzweifelt auf das jetzt nutzlose Gefährt und sah den gesamten Lauf schon verloren. Das darf doch nicht wahr sein. Nicht nach nur 90 gelaufenen Kilometern. Ich war tief verzweifelt und frustriert. Wie sollte es jetzt weitergehen? Noch über 500 Kilometer lagen vor mir! Ein erster mentaler Tiefpunkt. Kommt bei jedem langen Lauf vor, aber so früh ist es besonders heftig. Mit meiner Fotografin zusammen schaffte ich es, mit Seilen und viel Tape die Achse notdürftig zu reparieren. Und weiter ging es. Auf jeder Etappe zitternd „hält der Babyjogger, hält der Babyjogger … „.

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Vom Winde verweht

Dass Feuerland berüchtigt ist für windiges, nasses und unbeständiges Wetter, wusste ich. Damit hatte ich mich sehr intensiv im Vorfeld beschäftigt. Doch was mich dann dort tatsächlich erwartete, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Das Wort „Wind“ bekommt dort eine völlig neue Dimension. Vor allem die Intensität und Geschwindigkeit sind brutal, wenn du zu Fuß unterwegs bist. 50 Kilometer pro Tag zurückzulegen war mein Ziel. Doch dass solche im Vorfeld kalkulierten Zahlen und Vorgaben hier bedeutungslos werden können, bekam ich rasch zu spüren. Auf den ersten vier Etappen hatte ich heftigen Gegenwind. Fast orkanartige Verhältnisse. Meist begleitet von peitschendem Regen. Ein Einheimischer, den wir auf Etappe 5 trafen, sprach von einer Windgeschwindigkeit um die 100 Kilometer pro Stunde. Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm von meinem Projekt erzählte. That is really crazy! Von den anvisierten 50 Kilometern schaffte ich am dritten und vierten Tag jeweils nur die Hälfte. Ganze 25 Kilometer in 10 Stunden! Gegen den Wind zu laufen fühlte sich an, als hätte ich eine unsichtbare Wand vor mir. Als flöge permanent ein riesiger Düsenjet direkt über meinen Kopf. Ich konnte mich nach vorne lehnen, ohne umzufallen! Ein sehr eigenwilliges Gefühl. Beeindruckend und frustrierend zugleich. Ich hatte stellenweise allergrößte Mühe, mit dem Babyjogger auf der Piste zu bleiben. Das Aufbauen des Zeltes wurde zur größten abendlichen Herausforderung und dauerte bis zu einer Stunde. Die Natur zeigte Carole und mir zu Beginn des Laufs ganz klar die Grenzen auf. „In Feuerland kannst du an einem einzigen Tag alle Jahreszeiten erleben“, kam mir immer wieder die Aussage eines Freundes in den Sinn, die er mir vor dem Lauf mit auf den Weg gab. Wie Recht er doch hatte.

Weitere Hindernisse

Es wurde nicht leichter. Weiterhin hielten mich Wind und Regen im Würgegriff. Dazu kam: Ein auf meinen Karten als öffentlich zugänglich bezeichneter Weg war inzwischen zum Privatweg geworden und gesperrt. Insgesamt 20 Kilometer Umweg. Das war frustrierend. Inzwischen lag ich mehr als einen Tag hinter meinem Plan.

Von beeindruckenden Landschaften und Gauchos

Doch dann drehte der Wind. Er kam mir nicht mehr entgegen, sondern er schob mich kraftvoll an. Was für ein Laufgenuss! Nun flog ich förmlich über die Sandpiste. Alles fühlte sich auf einmal so leicht an. Die Last des Babyjoggers nahm ich nicht mehr wahr. Links und rechts des Wegs umgab mich weiterhin eine unendliche Steppenlandschaft, die scheinbar bis zum Horizont reichte. Doch jetzt konnte ich diese beeindruckende Kulisse genießen. Am fünften Tag traf ich auf den ersten Menschen seit meinem Start in Porvenir. Ich befand mich gerade kurz vor der argentinischen Grenze, als mir von weitem ein großgewachsener Mann mit Dreitagebart, schweren Stiefeln und zersaustem Cowboyhut zuwinkte. So habe ich mir immer einen Gaucho vorgestellt. So werden Menschen in Südamerika bezeichnet, die in den Pampas Viehzucht betreiben. „Holá“ ruft er mir entgegen. Neugierig lehnte er am Gitter seiner Farm. „Estancia Onamonte“ las ich auf dem Schild neben dem Eingangstor. Ob ich Hunger habe? Ob ich Wasser bräuchte? fragt er mich mit einem liebenswürdigen Lächeln auf dem Gesicht. Ich könne gerne bei ihm auf der Farm heute Nacht schlafen. Mit einem freundlichen „No, muchas gracias“ setzte ich meine Reise fort.

Punta arenas (149) - Copie

Am Ende der Welt

Nach Tagen in der Pampa lief ich die letzten vier Etappen auf der Ruta 3, die zur legendären Panamericana zählt. Ich hatte wieder asphaltierten Boden unter meinen Füßen. Und vor allem: ich kam viel schneller voran. Bis zu 60 Kilometer pro Tag. Die Gegend veränderte sich ein weiteres Mal. Nachdem ich in den letzten Tagen überwiegend weite, karge und wüstenähnliche Landschaften erlebte, türmten sich nun vor mir die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Darwin auf. Dieses Gebirge bildet mit fast 2.500 Meter hohen Bergen den letzten großen Höhenzug der Anden in Südamerika. Eine Passstraße mit gut 900 Höhenmetern lag vor mir. Die letzte große Herausforderung vor dem Ziel. Eine tiefe innere Befriedigung erfuhr ich, als ich nach zwölf langen und ereignisreichen Etappen Ushuaia, die als südlichste Stadt der Welt gilt, in Argentinien erreichte. Überglücklich lief ich die letzten Meter bis zum Hafen. Dann hatten wir es, Carole, mein Babyjogger und ich, tatsächlich geschafft. 600 Kilometer in zwölf Etappen durch das wilde und raue Feuerland. Ein Traum ging für mich in Erfüllung.

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