La Réunion Reisebericht

Norman Bücher

Insellauf der Verrückten – Der Grand Raid de la Réunion 2008

Senkrechte Felswände, nebelverhangene Regenwälder, steinige Lavawüsten und dichter Dschungel. Dazwischen Dörfer, eher Dörfchen – so abgeschieden, dass sie nur zu Fuß oder per Helikopter zu erreichen sind. Dieses Szenario kann man auf La Reunion, dem französischen Übersee-Department 800 Kilometer östlich von Madagaskar, erleben. Einmal im Jahr wird die Insel Schauplatz eines der härtesten Ultra-Cross-Rennen der Welt. Bei der „Diagonale des Fous“ (Diagonale der Verrückten), wie dieser Lauf von den Einheimischen genannt wird, gilt es fast 150 Kilometer und über 9.000 Höhenmeter einmal quer über die Insel zurückzulegen.

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Die ersten fünf Kilometer läuft man noch auf einer asphaltierten Strasse, bevor es dann vorbei an Zuckerrohrfeldern auf einem breiten Forstweg ganz gemächlich den Hang hoch geht. Bis zum ersten Verpflegungspunkt bei Kilometer 15,9 kann man noch nicht wirklich von einem der anspruchsvollsten Crossläufe der Welt reden. Dann aber geht der Grand Raid richtig los. Auf den nächsten fünf Kilometern gilt es 1.400 Höhenmeter zu bewältigen. Dabei führt der Pfad steil, sehr steil, durch den Regenwald. Der Untergrund ist schlammig, glitschige Wurzeln und Baumstämme liegen im Weg. Häufig muss ich meine Hände zu Hilfe nehmen, um überhaupt voran zu kommen. Ich ziehe mich an Ästen und Bäumen den Hang hoch. Am Wegesrand findet man schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Rennens Läufer, die sich vor Erschöpfung ausruhen oder sich gar übergeben.

Bei Kilometer 23,7 passiere ich den Vulkan Piton de la Fournaise. Dieser zählt zu den aktivsten der Welt. Alle 18 Monate bricht er im Schnitt aus. Die Umgebung hier oben auf 2.250 Metern Höhe präsentiert sich, fast ohne Vegetation, als wahre Mondlandschaft. Vorbei an scharfkantigen Lavaplatten und durch knirschenden Lavasand passiere ich die Plaine des Sables, eine riesig anmutende Sandwüste. Das faszinierende an diesem Lauf ist die sich ständig verändernde Landschaft und Vegetation. Nachdem ich eben erst durch dichten Dschungel, an einem Vulkan vorbei und durch eine Sandwüste gelaufen bin, tauchen nun saftig grüne Weideflächen mit Kühen auf. Ich bin in der Plaine des Caffres angekommen. Immer wieder führt der Weg über sogenannte Weidezaunleitern, die mich an das Schweizer Jura erinnern.

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Mit Hilfe von Leitern steige ich immer wieder die fast senkrechten Felswände hinunter. Über spitze, rutschige Felsen bewege ich mich weiter Schritt für Schritt vorwärts. Mir wird bewusst, warum der Veranstalter explizit ein Einsatz von Trekkingstöcken verboten hat. Man benötigt schlichtweg seine Hände. Ich stütze mich mit beiden Händen an Büschen und Ästen ab, um sicher und ohne Verletzung die sehr steilen Bergabpassagen zu bewältigen. Auf nur 4,6 Kilometern geht es 1.100 Meter bergab! Immer wieder „schießen“ lebensmüdige Läufer an mir vorbei. Einen Moment der Unachtsamkeit lässt mich wegrutschen. Zum Glück lande ich sanft auf meinem Allerwertesten. Glück gehabt! Stellenweise laufe ich ganz alleine. Eine beängstigende Stille umgibt mich – keine Stimmen, keine Musik, nur das sanfte Rauschen des Windes nehme ich wahr. Bin ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg?

Mittlerweile habe ich den Cirque de Mafate, einen der drei Bergkessel der Insel, betreten. Keine einzige Strasse führt hier hinein. Die wenigen Einwohner des Cirques werden aus der Luft mit dem Hubschrauber versorgt. Ein bizarres System aus Schluchten, Plateaus und Steilwänden durchzieht diese wilde Landschaft. Die Mafate ist von tiefen Gräben zerfurcht und im Zentrum weitestgehend unzugänglich. Doch erst bei Tageslicht erschließt sich mir die ganze Schönheit dieser Gegend.

Mit dem vorgegebenen Zeitlimit von 64 Stunden komme ich gut zurecht. An jedem der zahlreichen Verpflegungspunkte an der Strecke bediene ich mich großzügig von den leckeren Wurstbroten, der warmen Nudelsuppe und den guten Hähnchenschlegeln. Den hohen Energieumsatz gilt es, zumindest teilweise, wieder auszugleichen. Angeblich entspricht der Energieverbrauch beim Grand Raid dem von acht Marathonläufen!

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Auf schmalen Bergpfaden, über Felsen und Wurzeln und über Steigleitern geht es wieder sehr steil den Berg hinauf. 735 Höhenmeter auf knapp 3,5 Kilometer! Für diesen Anstieg benötige ich mehr zwei Stunden. Wer nach diesem „Monsterberg“ nun ein ebenes Stück erwartet, der sieht sich gewaltig getäuscht. Der Weg führt weiter, sehr steil, einen schmalen Grad bergauf. Links und rechts geht es tief den Abhang hinunter. Ohne eine gewisse Trittsicherheit und Schwindelfreiheit hat man beim Grand Raid kaum eine Chance. Weitere 561 Höhenmeter auf nur drei Kilometer müssen überwunden werden. Die Wege sind sehr schlammig. Man läuft wie auf Schmierseife! Jeden Schritt muss ich sorgfältig abwägen, um einen Sturz zu vermeiden. An Büschen abstützend und teilweise auf dem Allerwertesten bewege ich mich bzw. rutsche ich vorwärts.

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Durch dichten Dschungel komme ich schließlich zum letzten Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Noch fünf Kilometer liegen vor mir. Bei manch anderen Läufen bedeuten diese letzten Kilometer ein lockeres Auslaufen bis zum Ziel. Nicht jedoch beim Grand Raid. Es geht noch einmal 600 Meter bergab. Doch auch diese letzte Hürde meistere ich bravourös und laufe schließlich im Stadion de la Redoute in Saint-Denis ein. Meine Uhr stoppe ich bei 56 Stunden und 42 Minuten. Es ist schwer in Worte zu fassen, was einem durch den Kopf geht. Selten zuvor erlebte Glücksgefühle überschütten meinen Körper. „J’ai survecu“ (Ich habe überlebt) lautet die Aufschrift auf meinem Finisher-Shirt.