Himalaya Reisebericht

Norman Bücher

Im Schatten der Achttausender – 100 Meilen durch den Himalaya

Muss es immer höher, schneller und weiter sein? Immer extremer? Meine Antwort lautet ganz klar: Nein. Wenn du einmal bei einem Lauf wie dem Himalayan 100-Mile Stage Race dabei warst, verstehst du meine Haltung.

Beim Himalayan 100 Mile Stage Race, einem organisierten Lauf im indischen Bundesstaat Westbengalen, gilt es 161 Kilometer, gut 7.000 Höhenmeter in fünf Tagesetappen zurückzulegen. Jedes Jahr stellen sich zwischen 40 und 80 Läufern dieser Herausforderung.

Doch bei diesem Rennen geht es weniger um die absolute sportliche Grenzerfahrung oder um Platzierungen und Rekorde. Die Schönheit der Natur, die vielfältigen kulturellen Eindrücke und die Begegnungen mit den Einheimischen sind für mich genauso wichtig gewesen. Was können auch schon die nackten Zahlen, 100 Meilen und 7.000 Höhenmeter über den Reiz eines solchen Abenteuers, über die tausende von unterschiedlichen Sinneseindrücken dieser Reise aussagen?

Den Himalaya mit eigenen Augen sehen zu dürfen reizte mich schon immer. Einmal ins höchste Gebirge der Erde – das ist ein ganz großer Traum von mir gewesen. Nicht nur ein Traum, sondern ab dem Jahr 2008 ein konkretes Ziel. Himalaya – alleine der Name ruft eine große Portion Faszination in mir hervor. Zehn der vierzehn höchsten Berge der Erde befinden sich hier. Viele Mythen und zum Teil tragische Geschichten existieren um diese Bergriesen. Doch alles der Reihe nach.

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Zuvorkommend, unbefangen und warmherzig

Mit meinem Fotografen und Kumpel Christian fliege ich schon vier Wochen vor dem Lauf zunächst nach Nepal, um mich entsprechend vorzubereiten und richtig zu akklimatisieren. Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, ist dabei unsere erste Station. Kathmandu ist politisches und kulturelles Zentrum von Nepal und mit fast 900.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes. Sie liegt, zusammen mit den Städten Patan und Bhaktapur, im Kathmandutal, das von der UNESCO als Weltkulturerbe angesehen wird. Kathmandu ist eine impulsierende und faszinierende Metropole. Die Altstadt ist geprägt von engen Gassen, durch Chaos, Hektik, Gehupe und lärmenden Verkehr. Imposante Tempelanlagen und geschichtsträchtige Plätze wechseln sich hier mit einfachen Lehmhütten und völlig überfüllten Straßen ab. Fleisch- und Fischspezialitäten werden auf offener Straße zwischen streunenden Hunden und hupenden Rikschafahrern angeboten. Wir kommen uns wie in einer anderen Welt vor. Einer Welt voller interessanter Dinge und auch voller Armut. Nepal zählt zu einem der ärmsten Länder der Erde. Umso erstaunlicher ist es für mich zu erleben, dass die Menschen teilweise zufriedener und glücklicher wirken als viele Menschen in den westlichen Industrienationen. Christian und ich schlendern durch die Straßen. Diese sind holprig und staubig. Wo die Abflussgräben nicht bedeckt sind, gähnen große, tiefe Löcher. Es wimmelt von Menschen. Alle paar Minuten werden wir angesprochen. Ob Souvenirhändler, Schuhputzer, Rikschafahrer oder Obstverkäufer – die Menschen hier sind neugierig. Den Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung empfinden wir als absolute Bereicherung. Zuvorkommend, unbefangen und warmherzig – diese Attribute beschreiben die Menschen dort sehr treffend. Als Fremde werden wir des Öfteren zum Essen eingeladen, obwohl deren tägliche Essensration gerade für sie selbst ausreicht. Trotz größter Armut scheinen die Menschen hier ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen.

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Bei all den Augen, die auf uns gerichtet sind, ist es mir unmöglich, mich in Ruhe zu orientieren. Dazu kommt, dass überall Bettler ihre Bettelschalen hochhalten und damit klappern, damit man sie bemerkt. Und dann läuft mir dieses junge Mädchen hinterher. Sie ist vielleicht fünf oder sechs Jahre. Ein winziges, kleines Wesen, das nur aus Haut und Knochen besteht. Von Entsetzen gepackt, weiß ich nicht mehr, was ich machen soll. Dem Kind Geld geben oder einfach wegrennen? Ich gehe weiter und fühle mich dabei hundeelend und gleichzeitig wütend.

Vorbereitung ist alles

Nach unserer Ankunft in Nepal und einem kurzen Aufenthalt in der nepalesischen Hauptstadt fahren wir weiter über Pokhara ins Annapurna-Gebiet, wo ich mich gezielt auf den Lauf vorbereiten will.

Das Annapurna-Gebiet ist ein gewaltiges Bergmassiv im Nordwesten Nepals. Hier erheben sich mit dem Annapurna 1 und Annapurna 2 zwei der 16 höchsten Berge der Welt. Diese traumhafte Kulisse stellt für die nächsten drei Wochen mein Trainingsgebiet dar. Mein primäres Ziel ist es dabei, mich in der Vorbereitungsphase an die Höhenlage zu gewöhnen. Da ich mich beim Lauf auf einer Höhe von fast 4.000 Metern bewegen werde, will ich vorab das Laufen in dieser Höhe trainieren. Genau dieser Aspekt, Laufen auf einer Höhenlage von fast 4.000 Metern, stellt für mich die Herausforderung bei diesem Abenteuer dar. Die Distanz und die Anzahl an Höhenmetern kannte ich zum damaligen Zeitpunkt schon vom Ultra-Trail Mont Blanc. Doch dort ist spätestens bei einer Höhenlage von 2.600 Metern Schluss. Bevor wir jedoch in größere Höhen aufbrechen, verbringen Christian und ich die ersten Tage auf einer Höhenlage zwischen 500 und 1.000 Meter. Kürzere Läufe und Treppensteigen stehen zunächst auf meinem Trainingsplan. Mir geht es zunächst, neben der Akklimatisation, um die Anpassung der Muskulatur und des passiven Bewegungsapparates an die vielen Auf- und Abstiege. Besonders die Oberschenkelmuskulatur will ich auf die zahlreichen Schläge beim Bergablaufen vorbereiten. Beim Bergauflaufen wird überwiegend das Herz-Kreislauf-System beansprucht, während beim Bergablaufen die Muskulatur, die Gelenke, Sehnen und Bänder belastet werden.

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Mir bereitet das Training vom ersten Tag an richtige Freude, besonders wegen der sich ständig veränderten Umgebung. Wir kommen immer wieder an kleineren Siedlungen und Weilern vorbei, wo wir auch in einfachen Lodges übernachten. In manchen Dörfern haben wir das Gefühl, dass wir ins Mittelalter zurückversetzt wurden. In Ghasa, einem kleinen verschlafenen Dorf im Siedlungsgebiet der Thakali, scheint die Zeit still gestanden zu sein. Einfache Hütten aus Lehm und Stein. Vielleicht zwei Dutzend für die wenigen Einwohner. Ein holpriger Pfad führt uns durch den Weiler. Immer wieder machen wir spielende Kinder aus, die neugierig zu uns herschauen. Es ist ein friedlicher Ort, in dem zufriedene Menschen leben. Von der Hektik und den Menschenmassen wie in Kathmandu überhaupt keine Spur. Wir fühlen uns hier richtig wohl. Die Ruhe, die atemberaubende Landschaft um uns herum und das einfache und bescheidene Leben der Menschen hier beeindrucken uns. Von den imposanten Berggipfeln des Himalayas sehen wir zu Beginn gar nicht so viel. Die ersten Trainingstage sind landschaftlich durch grüne und saftige Wiesen, durch dichte und kühle Wälder und zahlreiche rauschende Bäche gekennzeichnet. Wir sind überrascht und gleichzeitig fasziniert von dieser vielseitigen und abwechslungsreichen Landschaft des Annapurna Gebietes.

Die Magie der Berge

Mit der Zeit kommen wir immer höher. Christian und ich sind bereits seit Tagen zu Fuß mit unseren schweren Rucksäcken im Annapurna Gebiet unterwegs. Jeden Abend machen wir an einem anderen Ort Halt.

Unser nächstes Ziel heißt Muktinath auf 3.820 Metern. Muktinath bedeutet übersetzt so viel wie „Ort des Heils“ und stellt einen wichtigen Wallfahrtsort für Hindus und Buddhisten dar. Ein Bad im dortigen Hindutempel Vishnu Mandir soll eine Reinigung der Sünden bewirken. Die 108 Hähne in Form von Bullenköpfen stellen eines der Wahrzeichen dieses Tempels dar. Für mich bietet Muktinath aufgrund der Höhenlage sehr gute Trainingsbedingungen, aber auch für das Auge wird etwas geboten. Nach fünf Regentagen in Folge haben wir hier zum ersten Mal wieder sonniges Wetter und traumhafte Ausblicke auf die Himalaya-Bergwelt. Die 8.000er scheinen zum Greifen nah. Die Dimensionen in diesem Gebirge sind sehr beeindruckend und unbeschreiblich. Wir sind hier schon auf fast 4.000 Metern, und von da geht es noch einmal drei, vier Stockwerke höher. Es ist für mich ein wirklich erhabenes Gefühl, einen Bergriesen wie den Dhaulagiri oder den Annapurna 1 mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Minutenlang bleibe ich einfach nur stehen und genieße die Schönheit und Magie der Berge. Wir gehen höher und höher. Von Muktinath aus unternehmen wir eine Tour auf den Thorong-La-Pass, 5.416 Meter über dem Meeresspiegel. Wir erwischen einen traumhaften Tag, der uns wieder eine grandiose Sicht auf die Himalaya-Berge erlaubt. Besonders der Dhaulagiri, mit 8.167 Meter der siebthöchste Berg der Erde, sticht imposant hervor. Da es die Tage zuvor geregnet hat, gibt es hier ab 4.500 Metern Neuschnee, der die Umgebung noch beeindruckender erscheinen lässt. Mein Höhenmesser zeigt an, dass wir bereits die 5.000 Meter Grenze überschritten haben. Jeder Schritt fällt auf einmal unheimlich schwer. Unser Puls rast. Wir schnappen nach Luft und müssen alle paar Meter stehenbleiben. Es ist unglaublich kräftezehrend, in dieser Höhe durch fast kniehohen Schnee zu marschieren. Der Weg ist vor lauter Schnee fast nicht mehr auszumachen. Und es ist kalt. Saukalt. Zweistellige Minusgrade begleiten uns an diesem frühen Morgen. Meine Finger sind klamm und lassen sich nicht mehr bewegen. Doch die Kulisse entschädigt für die Anstrengungen.

Außer uns und den Bergen scheint es nichts hier oben zu geben. Wir genießen diese unbeschreibliche Ruhe und die eindrucksvolle Umgebung in vollen Zügen. Jeder Schritt ist gleichzeitig auch ein Genuss für die Sinne. Über steile Geröll- und Schneefelder erreichen wir schließlich den Pass, der von unzähligen Gebetsfahnen und Steinhaufen markiert wird. Vor uns breitet sich die gewaltige Kette des Himalayas aus. Im Süden können wir die Annapurnas bestaunen, im Westen machen wir das Kali-Gandaki-Tal aus und im Norden sehen wir den schneebedeckten Gipfel des Thorungtse mit seinen 6.482 Metern. Atemberaubend!

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Nach insgesamt drei Wochen im Annapurna-Gebiet fühle ich mich für den 100 Meilen Lauf gut vorbereitet. Besonders die Trainingseinheiten und Aufenthalte jenseits einer Höhenlage von 4.000 Metern stimmen mich zuversichtlich für die kommenden Tage.

„Extremebusfahring“

Wir sind mittlerweile wieder in Kathmandu angekommen. Um zum 100 Meilen-Lauf in den indischen Teil des Himalayas zu gelangen, müssen Christian und ich zuvor noch eine ganze andere Art von Marathon überstehen: „Extremebusfahring“. Ein besonderes, sehr intensives und gleichzeitig anstrengendes Abenteuer, das wir während unserer Reise gleich mehrmals erleben dürfen. Wie bei einem richtigen Marathonlauf sind auch hier Ausdauer, Geduld, Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen gefragt, denn die Fahrt in einem nepalesischen Bus kann lang sein. Sehr lange. Teilweise zwölf Stunden und mehr verbringen wir in völlig überfüllten Bussen. Manche Busse sind von oben bis unten bunt bemalt. Andere sehen aus, als können sie keinen Kilometer mehr weit fahren. So unterschiedlich die Busse, so unterschiedlich die Fahrgäste. Einige Männer tragen europäische Kleider, andere schlabbrige Pyjamas. Mit der Pünktlichkeit wird es hier nicht so genau genommen. Fast eine Stunde später als geplant beginnt unsere Fahrt. Unser Ziel: Indien. Genauer gesagt, Kakarbhitta an der nepalesischen-indischen Grenze. Dorthin ist es ein langer Weg. Beschwerliche 500 Kilometer liegen vor uns. Diese Distanz hätte man auf deutschen Autobahnen in vier bis sechs Stunden zurückgelegt. Doch hier ticken die Uhren ein wenig anders. Was immer ich mir unter Nepals Hauptverkehrsstraßen vorgestellt hatte – meine schlimmsten Erwartungen werden noch übertroffen. In beide Richtungen führt je eine Fahrspur voller Krater und Schlaglöcher. Darauf zieht, in Wolken schädlicher Abgase gehüllt, ein kontinuierlicher Strom gellend hupender Lastwagen und Busse vorüber. Doch fast noch zahlreicher ist der Lasttierverkehr: Kamelkarren, Ochsenkarren, Eselkarren, Pferdefuhrwerke, Packesel, Schafherden und Herden von Ziegen. Mit einer gefühlten Geschwindigkeit eines Mopeds kommen wir voran. Nach einem Achsenbruch, mehreren Stopps und einer fast 24-stündigen Fahrt kommen wir schließlich hundemüde in Indien an.

Ruhe? Stille? Geht nicht!

In Darjeeling hoffen wir uns nach dieser langen und strapaziösen Busfahrt ein wenig Ruhe zu finden, zumal in vier Tagen der Lauf startet. Darjeeling ist eine 120.000 Einwohner Stadt am Fuße des Himalaya im Bundesstaat Westbengalen. Eine weltweite Bekanntheit hat sie sicherlich durch den Anbau von Tee erlangt. Und deshalb kreisen unsere Gedanken bei der Fahrt nach Darjeeling um grüne Teefelder, um Ruhe und Idylle. Doch da haben wir uns gewaltig getäuscht, denn die idyllische, grüne und ruhige Stadt des Tees stellt sich in Wirklichkeit als ganz anders heraus: Smog, Verkehr und Chaos sind hier an der Tagesordnung, von Erholung überhaupt keine Spur. Ausgerechnet in Darjeeling, kurz vor dem Lauf, fange ich mir noch eine Erkältung ein. Meine Nase ist zu, ich habe Kopfweh und fühle mich schlapp. Haben mich die vielen Busfahrten doch etwas geschlaucht? Oder ist mein Körper dem Smog und der Hektik hier einfach nicht gewachsen? Für mich bedeutet das: Geduld bewahren und so viel wie möglich ausruhen und schlafen.

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Nach zwei Tagen in Darjeeling fahren wir schließlich nach Mirik, wo sich der Ausgangspunkt des Laufs befindet. Für die knapp 50 Kilometer lange Strecke benötigen wir fast drei Stunden. In einem Jeep, zusammen mit 15 Indern, der normalerweise für maximal neun Personen Platz bietet.

Mirik, im indischen Bundesstaat Westbengalen gelegen, ist für indische Verhältnisse ein ruhiges Dorf. Knapp 9.000 Menschen leben hier. Eine Attraktion dort ist die Bokar Monastery, ein buddhistisches Meditationscenter, das ich einen Tag vor dem Lauf besuche. Ich will dort nicht nach göttlichem Beistand suchen, sondern mich einfach etwas ablenken. Meine Gedanken drehen sich zu diesem Zeitpunkt fast nur um den Lauf. Es tut mir gut, hier ein wenig Ruhe zu finden und den Mönchen beim Meditieren zuzuschauen.

Ein fulminanter Beginn

Die Nacht ist kurz, mein Schlaf eher bescheiden. Mein Wecker klingelt schon um 4:30 Uhr. Es ist Montag, 26. Oktober 2009. Die erste Etappe des Himalaya 100 Meilen Rennens steht an. Eine Stunde später werden wir Läufer in Bussen nach Maneybhangjang gebracht, eine kleine Ortschaft neunzig Minuten von Mirik entfernt. Dort befindet sich der Start zum Lauf. Das gesamte Dorf ist zusammengekommen, um uns Läufer anzufeuern. Kinder in eindrucksvollen Gewändern führen einheimische Tänze auf. Als Ritual erhält jeder Läufer vor dem Start einen Seidenschal, der für die kommenden fünf Tage Glück bringen soll. Insgesamt nehmen in diesem Jahr nur 43 Athleten am Rennen teil. Läuferinnen und Läufer aus allen Herren Ländern: aus Südafrika, Mexiko, Taiwan, Südkorea, Argentinien, den USA oder der Schweiz. Für die meisten steht bei diesem Rennen der Faktor Erlebniswert im Vordergrund. „Laufen und Genießen“, lautet dabei die Devise. Nach den letzten Ansprachen des Renndirektors C. S. Pandey, der mit seinem Unternehmen „Himalayan Run & Trek“ dieses Rennen schon seit vielen Jahren organisiert, erfolgt endlich der Startschuss. Auf der ersten Etappe gilt es 38 Kilometer und über 2.500 Höhenmeter zurückzulegen. Gleich nach Maneybhangjang geht es bergauf. Nicht so steil, dafür aber lange. Insgesamt zwölf Kilometer am Stück! Die ersten Kilometer lege ich noch locker im Laufschritt zurück, doch schon bald ist Gehen angesagt. Die Luft wird immer dünner. Ich bewältige Serpentine für Serpentine, ganz langsam. Je höher wir kommen, umso bewölkter wird es. Von der traumhaften Bergwelt des Himalayas bekommen wir während dieser Etappe nicht so viel zu sehen. Nach dem kilometerlangen Anstieg folgt eine längere Bergabpassage, die sich durch unangenehme Kopfsteinpflasterwege auszeichnet. Ständige Konzentration ist hier gefordert, um mögliche Verletzungen zu vermeiden. Ich laufe für kurze Zeit mit Richard, einem Südafrikaner, und Jeff, einem Lauf-Journalisten aus Kalifornien. Die Gespräche lenken ein wenig von den Anstrengungen der Etappe ab. Dann ziehe ich wieder alleine weiter. Plötzlich kreuzt eine Herde Yaks den Weg. Imposant und ein wenig Angst einflößend bewegen sich diese majestätischen Tiere auf mich zu. Erst im letzten Moment gehen sie zur Seite. Kurz darauf nehme ich hinter mir ein lautes, unüberhörbares Hupen wahr. Ein Jeep, das „Medienfahrzeug“ des Veranstalters, passiert mich. Mit dabei: Christian, der mir vom Beifahrersitz aus zuwinkt und natürlich fleißig am Fotografieren ist. Diese Art von Fortbewegung ist sicherlich komfortabel, aber tauschen wollte ich mit ihm trotzdem nicht. Denn: zu Fuß nimmst du die Umgebung viel intensiver wahr.

Hochgebirge pur

Ich erreiche wenig später den nächsten Verpflegungsposten und gebe zur Kontrolle meine Unterschrift ab. In solch einer abgelegenen Gegend, in der wir laufen, macht dies durchaus Sinn. Die Sicherheit der Läufer wird bei diesem Rennen groß geschrieben. Freundliche und zuvorkommende Helfer versorgen mich mit Wasser, Keksen und Kartoffeln. Ich schiebe mir ein paar Kekse in den Mund und packe ein paar weitere in meinen kleinen Rucksack. Du wirst hier im Abstand von sechs bis zehn Kilometern verpflegt und bekommst deine komplette Ausrüstung jeweils ins Etappenziel gebracht. Also: Du kannst dich voll und ganz auf das Laufen konzentrieren. Als ich meinen Rucksack, indem sich ein Liter Wasser, ein paar Riegel und mein Fotoapparat befinden, wieder aufziehe, schauen mir neugierig ein paar Kinder zu. Sie starren mich wie einen Außerirdischen an. Einen Mann mit langen, blonden Haaren haben sie wohl noch nicht so häufig hier gesehen. Ich spreche ein paar Worte Indisch, was bei ihnen ein Lächeln hervorruft. Dann ziehe ich weiter. Nur noch zehn Kilometer bis zum Etappenziel liegen vor mir. Doch dieses letzte Teilstück hat es noch einmal gewaltig in sich, denn 1.000 Höhenmeter müssen bewältigt werden. Bei europäischen Bergläufen ist spätestens bei einer Höhe von 2.700 Metern Schluss. Diese Höhenlage markiert bei diesem Rennen erst den Beginn des letzten Anstiegs. Auf diesen letzen Kilometern komme ich nur unendlich langsam voran. Mir scheint es, als hätte ich Magnete an meinen Fußsohlen, die mir jeden einzelnen Schritt ungemein erschweren. Als würde ich immer nur auf der Stelle treten. Die zunehmende Höhe macht jeden Schritt extrem anstrengend. Ich schnappe regelrecht nach Luft und muss immer wieder für einen kurzen Augenblick stehen bleiben, damit sich mein Puls wieder normalisiert. Auf einmal ziehen dicke Nebelschwaden auf und lassen die Umgebung gespenstisch erscheinen. Alles um mich herum wird grau. Ich kann kaum zehn Meter mehr weit sehen. Der schmale, asphaltierte Weg schlängelt sich immer weiter den Berg hinauf. Ein frostiger und ungemütlicher Wind weht mir entgegen. Das ist Hochgebirge pur – hier kann sich innerhalb von wenigen Minuten das Wetter komplett ändern. Wie weit ist es wohl noch zum Etappenziel? Drei Kilometer, zwei Kilometer? Mein Höhenmesser zeigt 3.550 Meter, es kann nicht mehr weit sein. Nach jeder Kurve hoffe ich, Sandakphu, unser heutiges Etappenziel, zu sehen. Doch jeder Kilometer zieht sich gewaltig in die Länge. Minuten kommen mir wie Stunden vor. Doch dann habe ich es endlich geschafft und laufe über die Ziellinie.

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Die Welt ist schön

Wow – das ist unglaublich! Vor mir habe ich eine Aussicht, die mir schier den Atem raubt. Weiße Riesen, die fast senkrecht in den Himmel ragen und diesen berühren zu scheinen. Unglaublich schöne und beeindruckende Formationen aus Fels, Schnee und Eis. Dimensionen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind. Bunte Gebetsfahnen flattern im eisigen Wind. Mit meinen kalten Händen klatsche ich immer wieder gegen mein Gesicht, um sicherzustellen, dass dies hier alles Realität ist. Nein, ich träume nicht. Ich bin wahrhaftig hier. Ich stehe mit meinen eigenen Beinen im höchsten Gebirge der Erde. Vor mir breitet sich ein Panorama aus, das mich schier aus meinen Laufschuhen haut: Mount Everest, Lhotse, Makalu und Kanchengjunga. Das Höchste, was unsere Welt zu bieten hat. Ich komme mir wie ein absoluter Winzling gegenüber diesen Bergriesen vor. Sandakphu, 3.636 Meter über dem Meeresspiegel, ist einer der ganz wenigen Orte in der Welt, an dem du Ausblicke auf vier der fünf höchsten Berge der Erde hast. Der schiere Höhenorgasmus! Für die kommenden zwei Nächte stellt die Sherpa Lodge das Lager für uns Läufer dar. Die Lodge ist eine einfache Hütte aus Stein, die zwar vor der Feuchtigkeit schützt, aber nicht vor der eisigen Kälte in der Nacht.

Nach jeder Etappe gönne ich mir eine warme Dusche, was bei dem Lauf in dieser Umgebung durchaus ein Luxusgut darstellt. Denn Dusche ist nicht gleich Dusche. Eine Dusche bedeutet in diesem winzigen Bergdorf: einen Eimer Wasser mit Becher, den du dir in einer spartanisch eingerichteten Hütte mehrmals über dich gießt. Was für eine Wohltat! Ich genieße jeden einzelnen Tropfen. Es ist erstaunlich, wie du mit einfachen Dingen zufriedenzustellen bist und wie wenig du zum Leben brauchst. Am Abend stehen wir dicht gedrängt beim Essen in der Berghütte um den kleinen Ofen. Alle haben warme Mützen und dicke Handschuhe an. Das Feuer knistert und brodelt in der kalten Hütte. Einstellige Minusgrade begleiten uns in der Nacht. Ich lerne Jacob aus Dänemark kennen, der schon auf jedem Kontinent läuferisch unterwegs war. Er berichtet mir von seinen Erlebnissen beim Yukon Arctic Ultra in Kanada. Dort lief er 160 Kilometer nonstop bei Temperaturen um die Minus vierzig Grad. Durch Eis und tiefen Schnee. Auf seiner rechten Wade hat er sich sein Lebensmotto tätowieren lassen: „Nur diejenigen, die weit laufen, können auch erfahren, wie weit sie laufen können.“ Neben ihm steht Roberto aus Argentinien. Mit seinen grauen Haaren, seinem Dreitagebart und seinem gebräunten Gesicht sieht er dem Schauspieler George Clooney sehr ähnlich. Roberto erzählt mir von seinen unternehmerischen Aktivitäten in der ganzen Welt, und wie er scheinbar nebenbei noch die Zeit findet, an spektakulären Abenteuerläufen teilzunehmen. Er strotzt gerade so vor Energie und Enthusiasmus. Es stellt eine große Bereicherung dar, sich mit solchen kosmopolitschen Menschen zu unterhalten. Wir sind schon ein verrücktes Volk, das sich hier bei diesem Rennen zusammengefunden hat. Verrückt in einer positiven Art. Ich liebe diese Momente. Ich liebe dieses einfache und unkomplizierte Leben, das sich auf die wesentlichen Dinge konzentriert.

Eine kurzweilige Genussetappe

Eine klirrend kalte und sternenklare Nacht in der dünnen Höhenluft von Sandakphu wird von einem berauschenden Sonnenaufgang abgelöst. Kurz nach fünf Uhr tauchen die „Big Four“ am Horizont auf. Lhotse, Everest und Makalu thronen bescheiden in über 200 Kilometer Entfernung, an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Während in nur achtzig Kilometer Entfernung die Eiswände des Kanchenjunga an der Grenze Nepal zu Sikkim übermächtig erscheinen. Vor dieser majestätischen Kulisse verläuft die zweite Etappe über 32 Kilometer. Mister Pandey erzählt mir, dass es vor zwei Jahren hier heftigen Schneefall gegeben hätte und das Rennen kurz vor dem Abbruch stand. Welch ein Kontrast zu diesem Jahr. Zu meiner rechten Seite türmen sich imposant wieder die Achttausender auf. Die Sonne behält gegenüber den Wolken noch die Oberhand und strahlt in voller Pracht. Der tiefblaue, wolkenfreie Himmel bildet einen atemberaubenden Kontrast zu diesen schneeweißen Bergkolossen. Was für ein Anblick! So ein starkes und intensives Weiß habe ich noch nie gesehen. Ergriffen und voller Faszination starre ich minutenlang die Berge an. Die gelaufene Zeit ist für mich bei diesem Rennen absolut sekundär. Keine Zeitambitionen oder Platzierungen treiben mich hier an. Was können auch schon Minuten und Sekunden aussagen gegenüber all den unzähligen Bildern und Eindrücken, die du hier gewinnst und für immer in dir trägst? Wie oft im Leben läufst du schon am Everest entlang? Ich fühle mich, als wäre Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Doch diese reizvolle Umgebung sorgt immer nur für kurze Ablenkung zu dem anspruchsvollen Profil, das uns auch heute erwartet. Immer wieder müssen kürzere, dafür aber giftige An- und Abstiege bewältigt werden. Grenzsoldaten stehen am Wegesrand, salutieren und feuern uns an. Ein paar Schritte weiter nach links und wir befinden uns auf nepalesischem Terrain. Nach vier Stunden und vierzig Minuten findet diese kurzweilige Genussetappe in Sandakphu sein Ende.

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Marathon oder länger? Was soll‘s

Am dritten Tag beinhaltet der Mehrtageslauf einen ausgewachsenen Marathon, den Mount Everest Challenge Marathon. Dieser stellt gleichzeitig die Königsetappe bei diesem Rennen dar. Auch heute beschert uns die Sonne wieder angenehme Temperaturen und sagenhafte Ausblicke auf die Bergwelt. In Phulet, bei Kilometer 22, haben wir von der Distanz her fast Halbzeit. Nach einem längeren Anstieg befindet sich hier der Wendepunkt auf dieser Etappe. Ich fühle mich ausgezeichnet und genieße die traumhafte Kulisse in vollen Zügen. Mein „Runners High“ wird auch durch die Tatsache, dass es ab Kilometer 29 nur noch bergab geht, nicht abgeschwächt. Eine renommierte Laufzeitschrift spricht gar von einem „Killerabstieg“. Kein Wunder, bei über 1.600 Meter Nonstop-Bergablaufen! Die ersten Meter sind noch relativ moderat und angenehm zu laufen, doch dann wird es immer steiler. Lose Steine und kantige Felsen erschweren das Vorankommen. Der schmale Pfad ist nass und rutschig. An ein normales Laufen ist nicht mehr zu denken. Ich springe über Rillen und Steine – eine unglaubliche Belastung für die Sprunggelenke. Es geht weiter vorbei an grünen Teeplantagen und verblüfften Bauern und Schulkindern. Rimbik, unser heutiges Etappenziel, kommt nur ganz langsam näher. Meine Laufuhr zeigt an, dass ich bereits vierzig Kilometer zurückgelegt habe. Das Ziel kann also nicht mehr weit sein. Was für ein Trugschluss! Beim nächsten Verpflegungsposten sagt man mir, dass es anstatt der zwei noch sieben Kilometer sind. Das kann doch nicht wahr sein. Meine Laufkameraden sind genauso überrascht wie ich. Zusammen mit Jacob bewältige ich die letzten Kilometer bis Rimbik. Nach sieben Stunden und fünf Minuten erreiche ich endlich das Ziel. Ich habe noch nie so lange für einen „Marathon“ gebraucht.

Laufen, Essen, Schlafen – so einfach ist das

Nach dieser harten Etappe ist zunächst Ausruhen angesagt. Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack und schlafe für ein paar Minuten. Das Thema Regeneration ist natürlich, gerade bei Mehrtagesläufen, ein ganz wichtiger Bestandteil. Die kurzen Pausen zwischen den Belastungen gilt es effektiv zu nutzen. Der Tagesablauf bei einem Etappenrennen besteht im Wesentlichen nur aus drei Dingen: Laufen, Essen und Schlafen. Da ich mich von der Marathon-Etappe relativ schnell wieder erholte, habe ich sogar noch ein wenig Zeit, Rimbik zu erkunden. Rimbik, ein indisches Bergdorf im Bundesstaat Westbengalen, besticht durch seine ruhige Lage in einer faszinierenden Umgebung. Wie so häufig werde ich wie ein Außerirdischer betrachtet, doch die Menschen hier sind sehr freundlich, wenn auch teilweise ein wenig schüchtern. Jede Begegnung mit den Einheimischen und jedes Gespräch fasziniert mich. Auch wenn die meisten nur ganz wenig oder überhaupt kein Englisch sprechen, habe ich das Gefühl, dass man nicht immer dieselbe Sprache sprechen muss, um sich zu verstehen.

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21 Kilometer – dass ich nicht lache!

Auf der vierten Etappe steht heute nur ein Halbmarathon mit knapp 500 Höhenmetern auf dem Programm. Diesen läuft man fast ausschließlich auf einer breiten, asphaltierten Straße. Vom Papier her ist dies die mit Abstand einfachste Etappe, doch nicht für mich. Magenkrämpfe und Durchfall sind für mich heute ständige Begleiter. Ich „schleppe“ mich von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt. Für die reizvolle Umgebung habe ich heute keine Augen. Meine Erfahrung und Willenskraft helfen mir, diese 21 langen und beschwerlichen Kilometer zu überstehen. Ich bin heilfroh, als ich endlich das Tagesziel erreiche und in mein Bett kriechen kann. Am Abend fühle ich mich schon wieder etwas besser, weil ich die Dinge aus einer anderen Perspektive heraus betrachte. „Wie klein sind denn bitte deine Probleme im Vergleich zu denen der Menschen hier? Wie gut hast du es in deinem Leben?“, frage ich mich. Mir wird wieder bewusst, dass es ein absolutes Privileg ist, hier in einer der schönsten Regionen der Welt laufen zu dürfen.

Freude. Leidenschaft. Emotionen

Am letzten Tag sind noch 27 Kilometer zu laufen. Die Vorfreude auf das große Ziel lässt uns noch einmal die letzten Kraftreserven mobilisieren. Die Landschaft verändert sich ein weiteres Mal. Wir kehren der Bergwelt den Rücken und tauchen ein in grüne und dichte Wälder. Ich fühle mich stellenweise wie im Schwarzwald. Die ersten zehn Kilometer geht es stetig bergauf. Ich freue mich auf den Zieleinlauf und gehe die heutige Etappe deutlich schneller an. 4:30 Minuten auf den Kilometer. Die Strecke führt die letzten Kilometer überwiegend leicht bergab, hier kannst du es im wahrsten Sinne des Wortes laufen lassen. Wie berauscht renne ich die letzten Kilometer. Von Weitem sehe ich schon Maneybhanghang, den Ort, von dem wir vor fünf Tagen gestartet sind. Kinder in ihren Schuluniformen stehen am Wegesrand und heben ihre Hand zum Abklatschen. Dann laufe ich über die Ziellinie. Was für ein „geiler“ Moment! Freudestrahlend nehme ich die Glückwünsche und den „Finisher-Seidenschal“ entgegen. Dieses Rennen ist sicherlich einer meiner Höhepunkte in meiner bisherigen Laufkarriere. Ohne Frage. Nicht so sehr wegen der rein sportlichen Erfahrung, sondern vielmehr wegen der kulturellen Eindrücke und der traumhaften Kulisse, in der ich mich bewegen durfte. Der Himalaya 100 Meilen Lauf, das ist ein Rennen der Freude, der Leidenschaft, der Begegnungen und der großen Emotionen.

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