Kalahari Reisebericht

Norman Bücher

Ab in die Wüste – 250 Kilometer durch die Kalahari

Die Welt ist einfach schön! Mit einem zufriedenen Lächeln sitze ich hier vor meinem Chalet im Augrabies Falls National Park und schreibe diese Zeilen. Wenige Meter von mir entfernt tollen zwei Affen herum, die mich neugierig beobachten. Die Sonnenstrahlen kitzeln auf meiner Haut. Keine einzige Wolke bedeckt den strahlend blauen Himmel. Eben habe ich genussvoll einen grünen, frischen Apfel gegessen. Den ersten, seit über einer Woche. Die vergangenen Tage waren sehr ereignisreich. Gestern habe ich erfolgreich das Ziel des Kalahari Augrabies Extreme Marathon erreicht. Ich sehe mich wiederholt durch das Ziel laufen und schwebe immer noch auf Wolke sieben. Doch der Reihe nach.

250 Kilometer in sechs Etappen

Nach einer zwölfstündigen Fahrt von Johannesburg erreichen wir abends den Augrabies Falls Nationalpark. Dieser stellt den Ausgangspunkt für das Abenteuer Kalahari Augrabies Extreme Marathon dar.

Der Kalahari Augrabies Extreme Marathon ist ein Wüstenetappenlauf über insgesamt 250 Kilometer in sechs Etappen. 45 Läuferinnen und Läufer aus verschiedenen Ländern nehmen an diesem Rennen teil. Neben der Distanz stellt vor allem die Hitze die Herausforderung bei diesem Rennen dar. Temperaturen jenseits der 40 Grad Marke sind hier im Oktober keine Seltenheit.

Eine kleine Kostprobe, wie heiß es hier ist, erleben wir, als wir im Augrabies Falls Nationalpark ankommen.

Der Nationalpark ist ein im Nordwesten Südafrikas gelegenes Naturreservat, das sich über 220 Quadratkilometer entlang des Flusses Oranje erstreckt. Zentrale Sehenswürdigkeit ist der Augrabies-Wasserfall, der auf bis zu 150 Meter Breite 56 Meter in die Tiefe stürzt. Eine imposante, 18 Kilometer lange und bis zu 200 Meter tiefe Felsenschlucht hat der Oranje Fluss hier gegraben. Die Augrabies Wasserfälle sind immerhin die sechstgrößten der Erde.

Stark beeindruckt stehe ich hier auf der Aussichtsplattform und schaue fasziniert dem Naturschauspiel zu. Solche Wassermassen werden wir in den nächsten Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sand, Staub und Trockenheit sind dann angesagt. Die letzte Dusche habe ich deshalb heute nochmals besonders genossen, denn es wird für die nächsten sieben Tage die letzte sein. 250 lange und beschwerliche Kilometer warten auf mich. Eine Woche Ausgesetztsein in der Weite der Wüste. Wieder raus aus der Zivilisation. Raus aus der Komfortzone, rein in die Zone der Herausforderung. Doch genau dieser Bereich ist es, der mich immer wieder auf das Neue antreibt, ein Abenteuer zu suchen.

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Selbstversorger in der Wüste

Vierzehn Stunden später. Ich befinde mich irgendwo in der Wüste. Laufend. Seit dem Startschuss vor einer Stunde fühle ich mich prima. Endlich geht es los. Doch die ersten Kilometer sind seltsam. Nicht unbedingt wegen des hohen Tempos, das die schnellen Läufer vom Start weg vorlegen. Auch nicht wegen der Hitze und der trockenen Luft, die heute Morgen noch erträglich sind. Nein, mein Rucksack macht mir zu schaffen. Es zieht und zerrt an meinen Schultern. Ich habe zwar viel mit ihm trainiert, aber hier scheint mir das Gewicht noch schwerer auf den Schultern zu liegen. Zwölf komma fünf Kilogramm wiegt mein Rucksack – inklusive Wasservorräte. Alles, was in dieser Woche von Bedeutung ist, zieht an meinen Schultern: Nüsse, Magnesiumpulver, Schlafsack, Isomatte, Wechselkleidung, Stirnlampe und eine Auswahl an Fertignahrung. Eine Herausforderung bei diesem Rennen ist sicherlich die Tatsache, dass du deine gesamte Ausrüstung, inklusive Essen, selbst tragen darfst. „Reduce to the max“, lautet dabei die Devise. So wenig wie nur irgendwie möglich mitnehmen, aber nichts vergessen. Das Gewicht ist dabei von entscheidender Bedeutung. Jedes Gramm zählt. Die Zahnbürste ist unter dem Kopf abgesägt und das Essen teilweise von der normalen Verpackung in leichtere Tüten umgefüllt. An den Rucksack werde ich mich in den nächsten Tagen immer mehr gewöhnen. Er wird mein bester Freund sein. Vor dem Rennen haben alle Läufer ihre Rucksäcke immer wieder gewogen. Wer hat wohl am wenigsten Gewicht dabei? Der leichteste Rucksack wog sieben, der schwerste 19 Kilogramm. Wo kann ich noch Gewicht einsparen? Auf was kann ich verzichten? Benötige ich tatsächlich drei Paar Socken oder tun es auch ein Paar weniger? Und was ist mit dem Langarmshirt? Brauche ich das wirklich? Unzählige Male habe ich meinen Rucksack zuhause Probe gepackt und jeden Ausrüstungsgegenstand kontrolliert und hinterfragt. Besonderes Augenmerk widmete ich dem Essen. Denn: Du musst deine gesamte Kost für die Woche ebenfalls bei dir tragen. Unzählige Male hat mich mein Rucksack auf meinen langen Trainingsrunden im Nordschwarzwald begleitet. Mir war es in der Vorbereitung wichtig, dass sich vor allem mein Oberkörper an die Belastungen des Rucksacktragens gewöhnt. An eine Trainingseinheit kann ich mich noch sehr gut erinnern. Fünf Wochen vor dem Wüstenlauf lief ich in meiner Heimatstadt Karlsruhe den Baden Marathon mit. Nur als Training und zwar mit meinem fast vollgepackten Rucksack, was teilweise zur Belustigung der anderen Läufer führte. „Hast du da Bier drin?“ oder „Reicht dir die Verpflegung hier nicht aus?“, waren nur zwei jener Kommentare, die ich mir häufig anhören durfte. Aber wenn du ein großes Ziel ist, lässt sich auch so etwas aushalten.

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Mitten in einem riesigen Sandkasten

Es wird wärmer und wärmer. Über 40 C Grad werden heute gemessen. Meine gefüllten Flaschen sind schon nach der ersten Stunde des Laufs leer. Der Schweiß kommt aus jeder Pore meines Körpers. Doch Schatten sucht man hier vergebens. Nur ein paar karge Büsche säumen den Weg. Sand, Schotter und lose Steine dominieren den Untergrund. Es geht immer leicht auf und ab, vorbei an tiefen Schluchten und beeindruckenden Felsformationen. Dann kann ich wieder die grenzenlose Weite der Kalahari ausmachen. Doch was ist das denn? Sand, Sand und nochmals Sand. Eines von zahlreichen Flussbetten dürfen wir passieren. Diese sind besonders kräftezehrend. Als würdest du durch einen riesigen Sandkasten waten. Bei jedem Schritt sinken deine Füße bis zu den Knöcheln ein. Sich schnell vorwärtszubewegen ist auf diesem Terrain enorm anstrengend. Vom Laufen wechsle ich ins Gehtempo. Die folgenden Kilometer ziehen sich gewaltig. Nur sehr langsam komme ich voran – 9:30 Minuten auf den Kilometer.

Abenteuer Wüstencamp

Nach 30 Kilometern ist die erste Etappe beendet. Zum ersten Mal betrete ich unser neues Zuhause. Ein riesiges Zelt, ohne Außenwände. Hier ist Platz für gut 50 Läuferinnen und Läufer. Ruhe und Zeit für dich kannst du dir in den nächsten Tagen abschminken. Du lebst in dieser Woche mit Menschen auf engstem Raum zusammen, die du zuvor noch nie gesehen hast. Nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Komfort wie ein weiches Bett, bequeme Matratzen oder eine Dusche suchst du vergebens. Dafür lernst du die Menschen so kennen, wie sie wirklich sind. Keiner kann sich mehr hinter seiner Fassade verstecken. Jeder ist irgendwann in dieser Woche an seiner Grenze, ist höflich oder auch nicht, verhält sich wie ein Idiot oder wie ein feiner Kerl. Du tauschst bei diesem Rennen deinen Alltag für eine Woche in ein Abenteuer ein. Der volle Kühlschrank wird zum 30 Liter Rucksack, die 100 Quadratmeter Wohnung zum Zelt, dein Bett zur Isomatte und die Wohnzimmerleuchte zur Stirnlampe.

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Etappenlauf in Eigenversorgung, so steht es auf der Webseite des Veranstalters. Das bedeutet im Klartext: Unterwegs und im Ziel gibt es keine Cola, keine Riegel, kein Kuchen. Nichts. Nur Wasser darf man an den Checkpoints, die alle fünf bis acht Kilometer kommen, und im Ziel entgegennehmen. Dieses ist jedoch sehr genau portioniert. 1,5 Liter erhält man an den Verpflegungspunkten und fünf Liter bekommt jeder Läufer im Camp nach der Etappe. Das bedeutet: gut haushalten. Der Wasservorrat muss dabei auch mit der täglichen Körperpflege in Einklang gebracht werden. Dabei gilt: Trinkbedürfnis vor Hygiene. Die Prioritäten sind in diesen Tagen ganz klar gesetzt. Am Abend kocht sich jeder seine Mahlzeit selbst. Vom Kartoffeltopf über die indische Nudelpfanne bis zu Chili Con Carne gibt es eine breite Vielfalt an kulinarischen Köstlichkeiten. Als Fertignahrung oder in Pulverform wohlgemerkt. Meine Wahl fällt heute auf Spaghetti Bolognese. Fast mechanisch schaufle ich die Nudeln in meinen Mund. Auf das Geschmackserlebnis kommt es dabei weniger an. Dieses rückt in der Woche definitiv in den Hintergrund. Vielmehr ist die aufgenommene Energiemenge entscheidend. Mindestens 2000 Kalorien pro Tag empfiehlt der Veranstalter. Das stellt das absolute Minimum dar. Ich habe für die sieben Tage fast 24.000 Kalorien dabei. Und ich werde jede einzelne brauchen. Als kulinarischen Höhepunkt nach meinen Spaghetti gönne ich mir am Abend ein Stück von meinem Parmesan. Ein absoluter Luxus hier in der Wüste! Der Käse schmeckt köstlich, gibt mir Energie und macht satt. Der Gedanke, sich abends mit solch einer besonderen Leckerei belohnen zu können, hat mir heute während der Etappe wahrhaft Flüge verliehen.

Schlaflos in der Wüste

Die Nacht ist schrecklich für mich. Ich kann nicht einschlafen. Auf meiner Isomatte drehe ich mich von links nach rechts. Und dann wieder von rechts nach links. Den Reißverschluss meines Schlafsacks ziehe ich herunter. Die Nacht ist mild, zweistellige Plusgrade begleiten uns. Immer wieder nicke ich für ein paar Minuten weg, um gleich wieder hellwach zu sein. Mal ist es ein Rascheln in den Büschen, das mich aufschrecken lässt, dann wieder der sanfte Wind, der über das Zelt weht. Und schließlich hält mich das Schnarchen eines Mitläufers vom Schlafen ab. Trotz Ohrenstöpsel nehme ich den Laut wahr. Das Tröten eines Elefanten ist leise dagegen. Dabei bin ich hundemüde und müsste eigentlich von alleine wegnicken. Was soll ich tun? Schafe zählen? Das passt irgendwie nicht in die Wüste. Ich denke an die heutige Etappe und wie wohl die nächsten Tage verlaufen werden. Irgendwann schlafe ich dann ein.

Wüstenlauf – Prachtkerl und Fiesling

Wer auf der ersten Etappe Schwierigkeiten hatte, der wird heute so richtig Probleme bekommen. Denn die zweite Etappe ist mit 38 Kilometern noch ein wenig länger als die gestrige. Gleich zu Beginn geht es steil hinauf. Über lose Steine und kantige Felsen führt der Pfad fast senkrecht aufwärts. Das habe ich bei einem Wüstenlauf nicht erwartet. In der Vorbereitung beschäftigte ich mich eingehend mit der Strecke und dem Profil des Rennens. Ich besorgte mir Bilder vom Lauf aus den Vorjahren, las Erfahrungsberichte von anderen Läufern und stellte mir immer wieder vor, wie ich diesen Lauf erfolgreich beende. Ich wusste schon, was mich in der Kalahari ungefähr erwartete und auf was ich mich einließ. Doch Training und Wettkampf sind bekanntlich nicht dasselbe. Mein Puls rast, meine Lungen brennen, der Schweiß läuft. Ich bin nach gut zwei Kilometern schon außer Atem. Allerdings nicht nur aufgrund des steilen Aufstiegs, sondern auch wegen des sagenhaften Ausblicks, den man von hier oben genießen darf. Eindrucksvolle Felsformationen, gewaltige Schluchten und die Weite der Wüste mache ich aus.

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Die Kalahari ist flächenmäßig betrachtet riesig. Sie erstreckt sich von der Nördlichen Kapprovinz in Südafrika durch Namibia und Botswana hindurch bis nach Angola und Sambia hinein über eine Fläche von mehr als 1,2 Millionen Quadratkilometer. Doch an diese gewaltigen Dimensionen verschwende ich keine Gedanken. Vielmehr beschäftigt mich mein Flüssigkeitshaushalt. Mein Durstgefühl nimmt zu. Meine Kehle fühlt sich an, als ob sie bei jedem Atemzug zusammenkleben möchte. Ich muss mehr trinken. Zwei Dinge entscheiden ganz wesentlich darüber, ob du bei diesem Rennen durchkommst, hat Estienne, der Organisator des Rennens, beim Briefing gesagt: dein Trink- und Essensmanagement. Das kommt mir jetzt in den Sinn. Ich schwitze wie Hund. Der Rucksack klebt an meinem Rücken. Dabei ist es erst kurz nach acht Uhr, und das Thermometer zeigt für die Kalahari Wüste bescheidene 30 Grad an. Nicht zu dehydrieren ist bei solch einem Wüstenlauf eine große Herausforderung. Deshalb habe ich drei Trinkbehälter dabei. Zwei Flaschen á 800 Milliliter und eine Trinkblase, die für maximal 1,5 Liter Flüssigkeit Platz bietet. In die Blase fülle ich Wasser. Die Flaschen habe ich für Elektrolytgetränke- beziehungsweise für Salztabletten vorgesehen. Glücklicherweise kommt wenig später der erste Checkpoint. Für diese ersten 2,5 Kilometer habe ich fast 45 Minuten benötigt. Fünf Läuferinnen und Läufer werden heute ausscheiden. Vor allem wegen der Hitze. Brutale 46 Grad soll heute an einem der Verpflegungspunkte gemessen werden. Doch das macht auch die Faszination dieses Wüstenlaufs aus. Auch deswegen habe ich mich für den Kalahari Augrabies Extreme Marathon entschieden. Meine Ziele wähle ich nach gewissen Kriterien aus. Die sportlichen Fakten wie die Distanz und die Anzahl an Höhenmetern spielen eine wesentliche Rolle. Aber auch die äußeren Rahmenbedingungen wie Hitze, Kälte und die Höhe sind für mich wichtig. Und ich mag die Hitze. Ich mag die Sonne. Bei mir zuhause im Nordschwarzwald soll es gestern geschneit haben. Unvorstellbar! Ich versuche mir die weißen Schneeflocken, den Raureif an den Sträuchern und den kalten Atem vorzustellen. Das gelingt mir hier in der Wüste nur bedingt. Auuh! Ein scharfer Dornbusch, den ich streife, reißt mich aus meinen Gedanken. Eine kleine Wunde an meinem linken Arm tut sich auf. Glücklicherweise erreiche ich wenig später das Etappenziel und das Camp. Gut sieben Stunden habe ich für Etappe 2 benötigt.

Das Leben kann so einfach sein

Mein tägliches Ritual nach der Ankunft im Ziel: den 5-Liter-Eimer Wasser, den jeder Läufer bekommt, in Empfang nehmen. Dann trinken, essen, ausruhen, trinken, essen, ausruhen. Es ist alles so einfach hier. Die Komplexität des Alltags hat sich enorm vereinfacht: Laufen, essen, schlafen. So überschaubar ist das. In jedem Etappenziel stehen ein Medizinzelt und ein kompetentes Ärzteteam den Läufern bis in den Abend zur Verfügung. Ob Blasen, Kreislaufprobleme oder muskuläre Beschwerden – im Zelt herrscht meistens Hochbetrieb. Clint, ein sympathischer Südafrikaner, sitzt im Zelt und bekommt eine Kochsalzlösung in den Arm. Die sengende Hitze hat ihm heute stark zugesetzt. Sein Gesicht ist blass und seine Motivation zu kommunizieren geht gegen null. Doch ein paar Minuten später kehren seine Lebensgeister wieder zurück. So eine Infusion bringt den Kreislauf gleich wieder in Schwung, weil dem Körper Flüssigkeit zugeführt wird und der Blutzuckerspiegel sofort steigt. Als ich Clinton so sitzen sehe, kommen mir sofort wieder Bilder vom Jungle Marathon in den Sinn, bei dem ich ebenfalls mehrere solcher Infusionen erhalten hatte. Eine Gänsehaut läuft mir bei diesem Gedanken den Rücken hinunter.

„Wollen wir heute etwas zusammen kochen?“, fragt mich Brigid. Sie ist mit mir die zweite Deutsche bei diesem Rennen. Wir haben uns vor dem Lauf am Frankfurter Flughafen zum ersten Mal gesehen. Ihr Werdegang beeindruckt mich. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und einem Fulltimejob als Übersetzerin schafft sie es mehrmals im Jahr, an anspruchsvollen Läufen in der ganzen Welt teilzunehmen. Während unser Linsentopf vor sich hin köchelt, erzählt sie mir von ihrem Lauf in Laos vor zwei Jahren. Besonders die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen haben sie beeindruckt. Als gebürtige Amerikanerin lebt sie nun schon seit fast 25 Jahren in der Nähe von Freiburg im Südschwarzwald. Sie liebt die Natur, das Reisen, die Freiheit, andere Kulturen und Menschen. Auch deswegen verstehen wir uns so gut. Die Zeit im Camp empfinde ich fast so faszinierend wie das Laufen selbst. 45 verschiedene Persönlichkeiten sind hier bei diesem Rennen dabei. Interessante Menschen aus der ganzen Welt. Banker, Landwirte, Dolmetscher, Ärzte oder Feuerwehrmann. Unterschiedliche Sprachen und verschiedene Kulturkreise haben sich hier versammelt. Um so etwas zu erleben, müsste man normalerweise ins Olympische Dorf gehen. Neben mir liegt heute Brett aus Dallas. Mit seinen kurzen Haaren und seinem schmalem Gesicht erinnert er mich ein wenig an Lance Armstrong. „Did you have a good stage today?“, fragt er mich. „Oh yes, I did.” Brett ist eigentlich Triathlet. Für ihn ist dieser Wüstenlauf das erste Etappenrennen überhaupt. Er erzählt mir von seinen zwei Töchtern, die er über alles liebt, und in diesen Tagen in der Wüste sehr vermisst. Nebenan hat sich Genis seinen Schlafplatz eingerichtet. Genis lebt in Südafrika und arbeitet als Berater in verschiedenen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent. Er ist auch für das Weltwirtschaftsforum in Davos tätig und erzählt mir unglaubliche Geschichten aus seinem erfahrungsreichen Leben. Wir reden über Politik, Wirtschaft, das Reisen, das Laufen … ja, über Gott und die Welt. Die Menschen sind es, die solch einen Lauf zu einem besonderen Erlebnis machen.

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Berglauf in der Wüste

Im Roadbook des Veranstalters, das wir beim Briefing vor dem Rennen bekamen, steht über Etappe drei: „This rocky gorge will require some upward climbing so please be very careful. If you feel unsafe about climbing, please do this section with somebody.” Was wird da wohl kommen? Als ich diese Zeilen zum wiederholten Male lese, schießen mir Gedanken von der „Diagonalen der Verrückten“, einem der anspruchsvollsten Ultra-Cross-Rennen der Welt auf der Insel La Réunion, durch den Kopf. Dort war ich im Jahr 2008 dabei. Senkrechte Felswände, steinige Lavawüsten und dichte Dschungelpfade stellten nur einige Hindernisse bei diesem Rennen dar. Doch im Vergleich mit den extremen Kletterpassagen auf der Vulkaninsel im Pazifischen Ozean ist die Kletterpartie hier in der Wüste noch überschaubar. Aus einem Flussbett geht es über riesige Felsen nach oben. An Seilen, die die Streckenposten uns herunter reichen, ziehe ich mich hoch.500 Meter. Kurz aber knackig. Die Streckenposten helfen uns diese steile Passage zu meistern. Oben erstmal kurz durchschnaufen, dann geht es weiter. Wieder mal durch Sand. Der feinpulverige, rote Sand wird in dieser Woche zu deinem ständigen Begleiter. Die jeweiligen Kilometer ziehen sich so gewaltig in die Länge.

Warum laufe ich hier überhaupt? Diese Frage kommt mir immer wieder in den Sinn. Ich habe sie schon zuhause vor dem Rennen wiederholt beantwortet. Plausible Gründe und klare Motive – das ist es, was ich in meiner Saisonplanung und bei einem Ziel suche. Für mich muss ein Rennen stets einen Sinn, einen Grund haben. Es geht nicht nur um höher, schneller, weiter. Immer mehr Kilometer und Höhenmeter aneinander zu reihen. Klar könnte ich auch 250 Kilometer an einer befahrenen Straße durch China laufen. Oder sogar 600 Kilometer, irgendwo von A nach B. Doch das ist nicht dasselbe. Denn dann fehlt dem Ganzen eben dieser Sinn, dieser Grund zu laufen. Bei dem Rennen um Superlative kannst du nur verlieren. Ein gutes Rennen braucht mehr als nur die schiere Anzahl an Kilometern und Höhenmetern, um interessant zu sein. Zum Beispiel eine ansprechende Kulisse. Bei diesem Abenteuer habe ich diese: Imposante, hochwachsende Akazienbäume, unzählige Wüstengräser und immer wieder die endlos erscheinende Steppe faszinieren mich.

Geist schlägt Körper

Nach fast sechs Stunden habe ich es geschafft und auch die dritte Etappe über dreißig Kilometer erfolgreich beendet. Wir liegen also wieder im Zelt auf unserer Isomatte, darunter der steinige Boden der Wüste, und diskutieren über Gott und die Welt. Mein Zeltnachbar heute: Kian aus Singapur, 34 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und fast immer gut drauf. Als ich ihn vor dem Lauf in Johannesburg zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich gar nicht glauben, dass er hier mitläuft. Stolze 105 Kilo bringt er auf die Waage, erzählt er mir. Doch er habe durch das Training für diesen Wüstenlauf bereits 20 Kilo abgenommen. Im Vergleich zu den anderen Läufern wirkt er fast wie ein Sumo-Ringer. Mit meinen 66 Kilo komme ich mir wie ein Fliegengewicht dagegen vor. Als er mit seinen kräftigen Oberschenkeln und seinem breiten Gesicht vor mir steht, kann ich mir nicht so recht vorstellen, wie er 250 Kilometer mit vollgepacktem Rucksack und der brutalen Hitze durch die Kalahari laufen wird.

„Wie viele Marathons bist du denn schon gelaufen?“, frage ich ihn interessiert. Und er antwortet mir in seinem sehr guten Englisch: „Ich habe noch keinen einzigen Marathon gemacht. Mein längster Wettkampf ging bisher über zehn Kilometer.“ Bei dieser Antwort wurde ich so richtig neugierig und wollte wissen, wie er denn überhaupt auf die Idee gekommen ist, hier mitzulaufen. Und Kian erzählt mir: „Mein Chef ist begeisterter Läufer und hat mich und drei weitere Kollegen zu diesem Rennen eingeladen. Er hat den Flug, das Startgeld und die Ausrüstung gesponsert.“ Ich frage ihn weiter: „Warum läufst du hier? Was ist denn dein Motiv?“ Bei dieser Frage wird Kian ein wenig nachdenklich und sagt mir: „Mir geht es vor allem um das soziale Projekt, das ich unterstütze. Um die Kinder und die Waisenhäuser. Dafür laufe ich.“ Was für eine Einstellung. Von der menschlichen Seite her ist es ein absoluter Gewinn solch einen unglaublich sympathischen Menschen dabei zu haben. Doch rein sportlich betrachtet habe nicht nur ich so meine Bedenken, ob er der Herausforderung Kalahari Augrabies Extreme Marathon auch gewachsen ist. Doch auch wenn Kians längster Wettkampf bisher nur zehn Kilometer lang war, hatte er sich offensichtlich auf den Wüstenlauf sehr gut vorbereitet. Auf den ersten Etappen war er sehr langsam unterwegs und kam fast immer als der letzte Läufer ins Etappenziel, aber er gab nicht auf. Kian besitzt einen unglaublich starken Willen und er kämpfte wie ein Löwe.

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Lange Nachtetappe als besondere Herausforderung

Drei Etappen und fast 100 Kilometer liegen bereits hinter uns. Doch morgen geht es richtig zur Sache. 79 Kilometer, die Königsetappe, stehen auf dem Programm. 79 Kilometer durch Hitze, Sand und auch durch die Dunkelheit. Deshalb heißt es jetzt: jede Minute zur Regeneration nutzen und seine Energiehaushalte bestmöglich auffüllen. Ein Großteil der Läufer genießt den Luxus einer Massage, andere lassen ihre Füße behandeln. Blasen sind eines der größten Probleme bei diesem Rennen. Es gibt kaum Läufer, die keine haben. Der Umgang mit Blasen an den Füßen will gelernt sein. Es gibt dabei so viele Therapien wie Läufer. Wer es luxuriös mag, geht am Ende der Tagesetappe zum Medizinzelt und lässt sich ärztlich versorgen. Andere ziehen es vor, Blasen unbehandelt zu lassen. Meine zwei kleinen Blasen an der Ferse steche ich mit einer Sicherheitsnadel auf, drücke sie aus, trockne sie mit einem Taschentuch, desinfiziere sie und lasse sie an der Wüstenluft heilen. Zur Prävention von Blasen helfen sicherlich Gamaschen, um den Sand möglichst lange aus den Schuhen fern zu halten. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Varianten und Möglichkeiten. Kommerzielle Modelle, welche per Klettverschluss an den Schuhsohlen befestigt werden. Andere Läufer schwören auf Damen-Nylonsocken, die über den Laufschuh gestreift werden. Zwar halten diese maximal eine Etappe, sind aber federleicht und effektiv. Andere stehen auf Stulpen Marke Eigenbau, mit Sekundenkleber am Rand der Schuhsohle befestigt und mit elastischem Band an Knöchel oder Kniebeuge befestigt. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Nach einer weiteren unruhigen Nacht steht dann die 79-Kilometer-Etappe an. Da die Leistungsunterschiede unter den Läufern teilweise enorm sind, wird in Blöcken gestartet. Die langsamsten Läufer starten schon um sechs Uhr, die schnellsten um 13 Uhr. So macht sich jede Stunde eine kleine Anzahl an Läufern auf den langen Weg. Auch auf der heutigen Etappe dienen wieder knüppelharte Schotterwege, steile Felsanstiege und kräftezehrende, sandige Flussbetten als Laufuntergrund. Das rötlich schimmernde Gestein und die Weite der Wüste bilden einen atemberaubenden Kontrast zum strahlend blauen Himmel. Keine einzige Wolke bedeckt ihn. Vereinzelte Büsche, die nach Wasser schreien, säumen den Weg. Die Sonne ist wieder da, jedoch weht immer wieder eine leichte Brise. Wo sind denn auf einmal alle hin? Vor und hinter mir ist keine Menschenseele. Niemand. Eine faszinierende und gleichzeitig etwas beängstigende Stille umgibt mich. Ich laufe ganz alleine. Zum ersten Mal bei diesem Rennen. Auf den ersten Etappen befanden sich immer in überschaubarem Abstand vor oder hinter mir Läufer. Doch die Königsetappe hat das Läuferfeld stark auseinandergerissen.

Die ersten drei Etappen bin ich sehr verhalten losgelaufen. Du kannst das Rennen auf den ersten Etappen nicht gewinnen, aber schon alles verlieren, wenn du zu Beginn über deine Verhältnisse läufst. Diesen Gedanken hatte ich ständig im Hinterkopf. Heute wird sich definitiv die Spreu vom Weizen trennen. Heute wird sich zeigen, wie sich jeder das Rennen bisher eingeteilt hat.

Ich fühle mich stark und erhöhe das Tempo. Sechs Minuten auf den Kilometer. So schnell war ich diese Woche noch nicht unterwegs. Das gute Training in den letzten Monaten und die intensive Vorbereitung machen sich jetzt bemerkbar. Fast 40 Kilometer liegen bereits hinter mir. Es ist schon später Nachmittag und die Sonne brennt weiterhin unerbittlich auf den heißen Boden. Sonne, Sand und Staub pur. Ich sehne wieder den Wind herbei. Doch dieses Mal leider vergebens. Glücklicherweise erreiche ich kurze Zeit später den nächsten Verpflegungspunkt.

Eine kleine Farm dient als Basis für diesen Checkpoint. Ich nehme meine 1,5 Liter Wasserflasche in Empfang und fülle diese in meine Trinkblase. Kurz runterkommen, trinken, essen. Dann geht’s wieder weiter. Doch zuvor gönne ich mir noch den Luxus meine Mütze in den Brunnen zu halten und dann Gesicht und Nacken zu befeuchten. Was für ein Genuss!

Die Sonne ist schon fast weg. Eine kleine, rot schimmernde Kugel kann ich am Horizont noch ausmachen. Nur ein paar Minuten später ist es dunkel. Das heißt nicht ganz: Der volle Mond gibt mir Orientierung und sorgt für eine fast mystische Stimmung. Trotzdem setze ich meine Stirnlampe auf, um mich auf dem holprigen und sandigen Weg besser orientieren zu können. Wenn ich meinen Kopf hebe, bietet sich mir ein Panorama, das mich schier aus den Laufschuhen haut. Es funkelt und glänzt am ganzen Himmel. Nichts als Sterne. Ich laufe wie auf Wolke sieben. Alles scheint automatisch zu funktionieren. Die Beine fühlen sich so leicht an. So, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Begleitet von den Klängen von Michael Jackson’s „Man in the Mirror“ laufe ich in eine andere Welt hinein. Ich vergesse den Rucksack, der an meinen Schultern zerrt. Ich nehme die Strapazen der letzten Tage nicht mehr wahr. Ich bin nur im Hier und Jetzt, genieße jeden Meter und fliege förmlich dem Tagesziel entgegen. Um 23:09 Uhr laufe ich über die Ziellinie, 13 Stunden und neun Minuten, nachdem ich gestartet bin. Nur sechs Läufer sind an dem Tag schneller gewesen.

Für die 79 Kilometer Etappe gibt es kein Zeitlimit. Wer die Strecke an einem Tag schafft, hat einen Tag Pause. Hylton Dunn, der Führende in der Gesamtwertung, beendet diese Etappe als Erster in unglaublichen acht Stunden und zwölf Minuten. Als Kian als letzter Läufer fast einen ganzen Tag später über die Ziellinie läuft, stoppt die Uhr bei 26 Stunden und 26 Minuten. Es war ein sehr bewegender Moment, als er ins Ziel kam. Fast alle Läufer liefen oder humpelten zur Ziellinie, um ihm mit großem Applaus auf seinen letzten Metern anzufeuern. Ein sehr emotionaler Augenblick!

Bewegender Zieleinlauf

Nach dem Bewältigen der Königsetappe steht nun die Marathonetappe an. Genauer gesagt, sind es 44 Kilometer. Diese fünfte Etappe wird uns nochmals alles abverlangen. Doch Bedenken es zu schaffen, hat fast niemand mehr. Das Finishen der 79 Kilometer Etappe hat definitiv viel Kraft gekostet, aber gleichzeitig dem Ego grenzenlose Power verliehen. Wieder mal bin ich erstaunt, wie schnell der Körper fähig ist zu regenerieren. Ich fühle mich prächtig. Mein Kopf ist frei. Die Vorfreude auf das Ziel nimmt immer mehr zu. Auch mein Rucksack wird immer leichter. Von den anfangs gut zwölf Kilogramm sind schätzungsweise fünf bis sechs übriggeblieben. Was für eine Wohltat. Leicht und beschwingt laufe ich dann auch. Immer wieder geht es ein wenig bergauf und bergab, über Stock und Stein. Mich zieht es ins Ziel. Als Gesamtsiebter beende ich die heutige Etappe im Bewusstsein, den Kalahari Augrabies Extreme Marathon erfolgreich zu beenden. Die morgige finale Etappe über 24 Kilometer macht keinem mehr Angst. Und so ist es auch dann. Die Vorfreude auf das große Ziel lässt mich noch einmal die letzten Kraftreserven mobilisieren. Ich fliege förmlich ins Ziel. Du hast immer im Hinterkopf, dass es nach der heutigen Etappe keine weitere mehr gibt. Also: Du kannst jetzt nochmals alles geben und dann deinem Körper die verdiente Auszeit gönnen. Die letzten Kilometer sind sehr bewegend. Ich erreiche den Augrabies Falls Nationalpark, den Ort, wo vor einer Woche alles begann. Wie ein kleines Kind kann ich es nicht mehr erwarten endlich das Ziel zu sehen. Dann die letzten Meter. Yes, ich habe es geschafft.

Freudestrahlend nehme ich die Glückwünsche von Nadia und Estienne, den Organisatoren des Laufs, entgegen. Ein grandioses Lauferlebnis und großartiges Rennen geht damit zu Ende.

Was für ein Genuss. Nach einer Woche Laufen und spartanischer Kost wieder mal Obst in den Händen zu halten. Selten zuvor habe ich einen Apfel so sehr genossen wie hier im Augrabies Falls Nationalpark nach dem Lauf. Ich lasse nochmals meinen Blick über den Park schweifen. Was für eine Woche! Ich habe in den letzten Tagen wieder sehr intensiv gelebt und mein Lebens- und Erfahrungskonto um ein wunderbares Erlebnis bereichert. Mit einem zufriedenen Lächeln schlage ich mein Notizbuch zu und begebe mich in mein Chalet. Die Welt ist einfach schön!