Australien Reisebericht

Norman Bücher

Bis zum Horizont und weiter –1120 Kilometer durch das australische Outback

Die Straße nimmt einfach kein Ende. Sie führt immer nur geradeaus. Sand und Schotter so weit das Auge reicht. Und da laufe ich nun. Alleine. Mitten im Outback. Keine Menschenseele weit und breit. 30 Grad Außentemperatur, null Prozent Luftfeuchtigkeit, hundert Prozent Stille. Zwischen meinen Zähnen spüre ich das Knirschen des roten Sands, der mir vom sanften Wind ins Gesicht geblasen wird. Ich blicke über eine unendliche Busch- und Graslandschaft, die bis zum Horizont reicht. Es kribbelt in mir – vom Kopf bis zu den Zehen. Ein angenehmes Wärmegefühl durchdringt meinen ganzen Körper, wenn ich an mein großes Ziel denke. Es ist ein sehr ambitioniertes Ziel, das ich mir wieder gesetzt habe. Vielleicht dieses Mal doch etwas zu hoch? Definitiv ist es unvernünftig. Und außerdem reizvoll, anziehend, einfach krass. Ich laufe durch das australische Outback – zum Ayers Rock. „Run to the Rock“ lautet der passende Titel dieses Abenteuers. 1120 Kilometer in 14 Tagen. Das bedeutet täglich eine Distanz von 80 Kilometern. Wenn du von Rügen im hohen Norden Deutschlands bis nach Freiburg, also einmal quer durch Deutschland fährst, entspricht das ungefähr diesen 1120 Kilometern.

Rückblende: Vor fünf Tagen sind wir auf dem Fünften Kontinent, genauer gesagt in Perth, der Hauptstadt Westaustraliens, angekommen. Wenn ich von WIR spreche, meine ich damit meine Freunde Christian, Kevin und Marian, die mich bei diesem Abenteuer begleiten. Zu viert wollen wir das Projekt „Run to the Rock“ angehen. Für mich ist es ein sehr emotionaler Moment, als wir die Flughafenhalle morgens um 1:30 Uhr verlassen und in die milde Nacht von Perth hinaustreten. Ich könnte die Welt umarmen. Oder zumindest Australien. Es ist ein Eins A-Déja-Vu Erlebnis. Denn vor ziemlich genau acht Jahren war ich schon einmal in dieser Stadt. Damals bin ich ein Jahr lang durch Australien gereist. Mit Rucksack und ohne konkreten Plan. Dieses Mal habe ich eine genaue Zielsetzung. Übrigens habe ich auch wieder den gleichen Rucksack dabei. Ein gutes Omen?

Perth ist eine lebendige, dynamische, gleichzeitig aber auch eine entspannte Stadt. Mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern zählt sie neben Sydney, Melbourne, Brisbane und Adelaide zu den fünf Millionenstädten in Australien. Die Stadt am Swan River ist genau der richtige Ort, um nach dem langen Flug anzukommen, sich zu sammeln und die letzten organisatorischen Dinge zu klären, bevor wir die Zivilisation verlassen. Wenn ich hier die vielen Menschen und das rege Treiben in der Einkaufspassage beobachte, dann sehne ich mich heute schon nach der Stille des Outbacks. Gleichzeitig genieße ich nochmals bewusst den Luxus, ein großes, saftiges Steak essen zu können. Fette Sauce inklusive. Ich werde schon bald jede zusätzliche Kalorie brauchen. Apropos Kalorie: Das Thema Essen und Trinken hat bei uns große Bedeutung seit wir in Australien angekommen sind. Schon am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zum Einkaufen. Shopping stellt für mich normalerweise eine belanglose Tätigkeit dar, die ich nur durchführe, wenn es gar nicht anders geht. Doch an diesem Tag freue ich mich darauf, denn es wird unser gesamtes Essen und Trinken für die nächsten zwei Wochen gekauft. Und da kommt schon etwas zusammen. Ich werde niemals das Gesicht der jungen Kassiererin vergessen, als wir schließlich mit vier großen, bis oben vollgepackten Einkaufswägen vor ihr an der Kasse stehen und anfangen, die ersten Artikel aufs Band zu legen. Ein Staunen und ungläubiges Kopfschütteln kann ich auf ihrem Gesicht ablesen. Aus dem starren „Das-hab-ich-ja-noch-nie-erlebt“-Blick wird aber dann ein sympathisches Lächeln. Okay, ich darf nicht unerwähnt lassen, dass wir für umgerechnet fast 1000 Euro Lebensmittel eingekauft haben. Fast 100 Liter Wasser, zehn Kilo Nudeln und gut 500 Müsliriegel und Kekse inklusive, um nur ein paar Artikel zu nennen.

Australien Link 2-6

Kurzstopp am „Platz der glänzenden Birnen“

Nach zwei Tagen Akklimatisation verlassen wir Perth und fahren mit zwei Geländewagen weiter Richtung Osten. Die alte Goldgräberstadt Kalgoorlie-Boulder ist nach fast 600 Kilometern unser nächstes Ziel. Der Name Kalgoorlie kommt aus der Sprache der Aborigines, der Ureinwohner Australiens, und bedeutet so viel wie „Platz der glänzenden Birnen“, wie mir mein Reiseführer verrät. Gemeint sind die Früchte der Marsdenia australis, die Buschbanane, die nur in Australien vorkommt. Wegen des großen australischen Goldrausches Ende des 19. Jahrhundertes wurde Kalgoorlie 1895 als Goldgräbersiedlung aus dem Boden gestampft. Ein kleines bisschen wie Goldgräber fühlen wir uns, als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit unser Nachtlager ein paar Kilometer außerhalb der 28.000 Einwohner Stadt aufschlagen. Doch ob die Goldsucher damals wohl auch so viele Schnacken wie wir gehabt haben?

Weiter geht es über das Städtchen Leonora bis nach Laverton, unseren Ausgangspunkt für das große Abenteuer. Laverton, 315 Einwohner stark, befindet sich am westlichen Ende der Großen Victoria Wüste. Wie aus dem Nichts tauchen die ersten Häuser auf. Hier sagen sich Hase und Igel gute Nacht. Das Dorf scheint wie verlassen, als wir am späten Nachmittag dort ankommen. Nur im Pub, dem einzigen im Dorf, treffen wir ein paar Einheimische, die dort an der Theke Bier trinken. „Cheers mate. Habt ihr euch verirrt oder warum seid ihr hier?“, fragen sie uns neugierig. Als wir ihnen dann unser Vorhaben erklären, halten sie uns für komplett verrückt. Ob es an ihrem Alkoholpegel liegt oder an unserem Projekt, lasse ich mal dahin gestellt.

Laverton ist auch der Beginn der Great Central Road oder des Outback Highway, wie diese „Straße“ genannt wird. Bei der Great Central Road handelt es sich um eine Sand- und Schotterpiste, die West- und Zentralaustralien miteinander verbindet. Über 1000 Kilometer führt sie durch eine der entlegendsten Gebiete der Erde. Und diese Straße bildet für die nächsten zwei Wochen meinen Laufuntergrund. Mein Ziel ist es, 80 Kilometer pro Tag zu laufen. Und das zwei Wochen lang. Ohne Gegner. Ohne Zuschauer. Ohne Druck. Nur ich gegen meinen inneren Schweinehund. Diesen Schweinehund werde ich besiegen beziehungsweise zum Freund machen. Ich sehe schon bildhaft vor mir, wie ich ihn anleine und er mich durch das einsame Outback begleitet. Diese Gedanken nehme ich mit in die Nacht. Die Letzte, bevor ich morgen endlich die ersten Kilometer unter meine Laufschuhe nehme.

Australien Link 2-52

Es geht los

Fünf, vier, drei, zwei, eins und looooooos! Als Chris, Kevin und Marian den Countdown zählen, hüpft mir mein Herz vor Anspannung fast aus der Brust. Endlich geht es los! Nach Monaten der Vorbereitung. Nach unzähligen Stunden Training. Nach unglaublich viel Zeit, Herzblut und Energie, das ich schon vorab in dieses Vorhaben investiert habe. Mein Atem ist deutlich sichtbar in der klaren, kühlen Luft. „Frisch heute morgen, oder?“, kommentiert Chris meine letzten Aufwärmübungen. Auch deshalb freue ich mich, endlich loslaufen zu dürfen. Ich genieße es hier zu sein. Die ganz große Freiheit hat jetzt begonnen. Die ersten Kilometer sind seltsam. Ich bin ganz alleine unterwegs, kein einziger Zuschauer, kein einziger Mitläufer. Statt eines bunten Rahmenprogramms mit Unterhaltung und lauter Musik nehme ich nur die unsagbare Stille und die Trockenheit des Outbacks wahr. Statt strenger Kilometerzeiten und fester Pulsfrequenzen höre ich nur auf meinen Körper und genieße die Umgebung. Irgendwann sortieren sich meine Sinne und ich spüre: das Outback lebt.

Drei Tage und 240 Kilometer später. Die Sonne knallt ununterbrochen. Immer noch keine einzige Wolke am blauen Himmel. Weites, flaches Buschland, so weit das Auge reicht. Ab und an säumen ein paar karge, blätterlose Bäume den Weg. Und dann diese endlos erscheinende Sandpiste. Kerzengerade, mit ganz wenigen Kurven, führt sie mitten durch das Outback. Wie weit ich mich, schon nach den ersten Tagen dieses Abenteuers, von meinem Alltag in Deutschland entfernt fühle. Kein Vortrag, kein Buchmanuskript, kein Telefonat, keine E-Mails, keine Tochter. Mein Kopf ist leer. Ich sehe die Weite des Outbacks. Wohin ich auch blicke, landschaftlich ist es immer das gleiche. Faszination und Abschreckung gleichermaßen. Sanfter Wind bläst mir ins Gesicht. Eine Wohltat bei der Hitze! Um mich herum schwirren unzählige Fliegen. Sie scheinen es auf mich abgesehen zu haben. Kein Wunder, bei meinem schweißdurchtränkten Shirt und dem etwas salzigen Geruch, der an mir klebt. Die letzte Dusche liegt bereits Tage zurück. „Du stinkst wie ein Iltis nach der Paarung“, hat mir mal ein Kumpel zum Besten gegeben, als er mich bei einer längeren Trainingseinheit im Hochsommer begleitete. Dieser Spruch kommt mir jetzt in den Sinn. Zugegebenermaßen habe ich mich schon frischer gefühlt. Heute am vierten Tag des Laufs trage ich immer noch dasselbe Laufshirt. Auch die Socken könnte ich mal wechseln. Mein geliebtes Kopftuch hat sicherlich schon bessere Tage erlebt. Unter meinen Fingernägeln klebt Sand. In meinen Schuhen ist Sand. Sogar in meiner Unterhose ist Sand. Gefühlsmäßig ist er bereits in jeder Pore meines Körpers. Doch das stört mich nicht. Überhaupt nicht. Denn hier im Outback sind meine Prioritäten ganz anders gesetzt. Jeder einzelne gelaufene Meter zählt. Jeder Kilometer ist entscheidend. Jede erfolgreich beendete Etappe ist elementar. Und das Wichtigste: Mir geht es gut.

Australien Link 3-99

Während ich so durch den feinen Sand laufe und meinen Blick durch die karge Landschaft schweifen lasse, kommt mir plötzlich meine Zeit als Student in den Sinn. Einfach so. Wann habe ich nochmals mein Studium abgeschlossen? 2002? 2003? Was, schon wieder neun Jahre her? Was war das für eine geile Zeit! Durchgezechte Nächte, lustige Studienreisen, drei Monate Auslandssemester in Kanada und nebenbei noch den Betriebswirt gemacht. Mit ein bisschen Abstand lässt sich bekanntlich vieles schön reden. Ein Höhepunkt während des Sommersemesters waren immer die Ausflüge in den Schlossgarten. Ohne Dozenten wohlgemerkt. Ausgiebig Pause machen stand für mich damals noch sehr hoch im Kurs. Als mir schließlich die VWL-Vorlesung in den Sinn kommt, die wir stets Freitagnachmittags hatten, bin ich froh, als Abenteurer „Karriere“ gemacht zu haben. Wie bin ich jetzt nur auf meine Studienzeit gekommen? Ich weiß es nicht, aber diese Gedanken tun mir gut. Ich brauche solche Gedanken. Ich suche sie ganz bewusst. Denn: Die Monotonie und Einsamkeit hier hat mich in ihren Bann gezogen. Sie scheint mich erdrücken zu wollen. Ich sehne mich nach Menschen, nach Kommunikation, nach Ablenkung. Doch die trostlos erscheinende Busch- und Graslandschaft um mich herum sorgt für wenig Abwechslung. Halt! Nicht ganz. Eben habe ich wieder ein altes, eingerostetes Auto passiert, das verlassen am Wegesrand steht. Ein echter visueller Höhepunkt.

Kopf aus, Autopilot an!

Durchschnittlich laufe ich zehn bis zwölf Stunden pro Tag. Und das ist vor allem eines: Kopfsache. Welche Gedanken lässt du zu? Wie lenkst du dich am besten ab? In dem Modus „Kopf aus, Autopilot an“ vergeht Stunde um Stunde. Meine Beine bewegen sich fast schon mechanisch auf und ab. Wie ein Schweizer Uhrwerk spulen mein Körper und Geist Kilometer für Kilometer ab. Doch von dem viel zitierten Flow-Zustand kann nach den ersten Etappen keine Rede sein. Mein Blick wandert häufiger als gewollt auf die Uhr, um den aktuellen Kilometerstand abzurufen. „32 hast du schon“, bestärke ich mich. „Noch drei Kilometer bis zum nächsten Checkpoint“. Christian, Kevin und Marian fahren mit unseren beiden Fahrzeugen immer zum jeweils nächsten Treffpunkt voraus und warten dann auf mich. Das ist bei Kilometer 20, 35, 50 und 65 der Fall. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf den jeweils nächsten Checkpoint. Sie stellen für mich Motivation pur dar. Sind das dort hinten am Horizont schon die Fahrzeuge meines Teams? Der Gedanke erzeugt ein Wohlbefinden in mir. Doch der hell schimmernde Fleck entpuppt sich wieder als „totes“ Auto. Mist, das wäre auch zu schön gewesen. Mein Gaumen freut sich auf eine Cola. Eine eisgekühlte Cola. Er schreit förmlich danach. Wasser und isotonische Getränke bestimmen in diesen Tagen im Wesentlichen meine Flüssigkeitsaufnahme. Doch mein Körper will kein Iso und auch kein Wasser mehr. Das zuckerhaltige Brausegetränk wird jetzt zu meinem Motivationsfaktor. Ich will so schnell wie möglich zum nächsten Checkpoint, will mein Team, meine Freunde sehen. Doch jeder Kilometer zieht sich gewaltig. Als ich kurze Zeit später die beiden Camper meines Teams am Horizont erblicke, lege ich einen Zahn zu und fliege förmlich dorthin. „Hey mate, alles fit?“, begrüßt mich Chris.

Chris habe ich vor über acht Jahren in Australien kennen gelernt und er ist mittlerweile einer meiner besten Freunde. Die Art und Weise, wie wir uns dort zum ersten Mal gesehen haben, ist eine Geschichte für sich. Wir waren beide im Dezember 2003 in Mildura, einem kleinen Ort zwischen Melbourne und Adelaide im Süden Australiens, und arbeiteten dort auf einer Weinplantage. Besser gesagt: Wir wollten dort arbeiten, denn am ersten Tag wurden wir beide gefeuert. So lernten wir uns kennen. Seit diesem Erlebnis haben wir zusammen diverse Reisen und Abenteuer unternommen. Seit ein paar Jahren arbeitet er selbstständig als Fotograf und hat sich mit seinen beeindruckenden Bildern einen Namen gemacht.

Ich lasse mich in den Campingstuhl fallen und gönne mir gleich die wohlverdiente Cola. Welch eine Wohltat. Kevin hat gekocht. Einen großen Teller mit gebackenen Bohnen in Tomatensauce. Aus der Konserve wohlgemerkt. Fünf Minuten später esse ich schon den zweiten Teller. Sehr lecker! Auch in diesem Punkt haben sich die Prioritäten gegenüber meinem Alltag verschoben. Denn: Fertigessen und Essen aus der Dose gehören normalerweise nicht zu meiner bevorzugten Ernährung. Aber wir sind ja hier auch nicht im Alltag. „Brauchst du noch etwas?“, fragt mich Kevin.

Australien Link 4-9

Kevin stammt wie Chris aus dem Ostalbkreis. Er ist als Physiotherapeut, Koch und Fahrer bei diesem Projekt dabei. Seine ruhige und besonnene Art sollten sich noch von großem Vorteil erweisen. Während ich so dasitze und mir die Bohnen einverleibe, reicht mir Marian meine frisch gefüllte Trinkflasche. Marian ist als Kameramann dabei und begleitet das Projekt filmtechnisch. „Wir sehen uns dann wieder bei Kilometer 50“, verabschiedet er mich. Ich schiebe mir noch ein paar Kekse in den Mund. Dann geht’s schon wieder weiter.

„The Crazy German“

„The Crazy German“, das ist der Name, den ich hier im Outback liebevoll von den Einheimischen und Durchreisenden bekommen habe. Ist es wirklich „crazy“, was ich hier mache? Über diesen Begriff denke ich während des Laufens lange nach. Zeit dafür habe ich ja zur Genüge. Wie es wohl für Außenstehende wirkt, die mich ab und an im Geländewagen oder Roadtrain passieren, wenn sich jemand zu Fuß in dieser Einöde fortbewegt? Nur mit einem kleinen Rucksack ausgestattet. In einer Gegend, in der im Abstand von 250 bis 300 Kilometern ein Roadhouse kommt? Ein kleines bisschen Zivilisation inmitten dieser riesigen Wüste. Jede Abwechslung und jede Begegnung tun mir hier verdammt gut. Pro Tag kommen hier vielleicht vier oder fünf Fahrzeuge vorbei. Vor einer Stunde hat zu meiner Verwunderung ein Roadtrain angehalten. Schon einige Minuten bevor ich den riesigen Lastwagen gesehen habe, konnte ich ihn hören. Und als ich ihn dann sah, wollte ich schon Platz machen, um meinen Lauf lebend fortsetzen zu können. Denn vier Anhänger und gut dreißig Meter Länge sind schon imposant und ein wenig respekteinflößend zugleich. Eine riesige Staubwolke, die minutenlang anhält, gibt es beim Vorbeifahren normalerweise als Dessert inklusive. Doch dieses Mal stoppt der Roadtrain. Aus der Fahrerkabine blickt mich ein strahlendes Gesicht an. Ein Typ Mitte dreißig, mit Baseballmütze und großer Sonnenbrille. Nicht unbedingt, wie man sich einen typischen Lastwagenfahrer vorstellt. „Hey mate, what’s up? I am Brett from Byron Bay. Ach, du bist dieser Verrückte, der hier quer durchs Outback läuft. Hab schon davon gehört. Brauchst du Wasser?“, fragt er mich besorgt. „Warum um Gottes Willen machst du so etwas?“ Wir quatschen noch ein paar Minuten über Gott und die Welt Dann wünscht er mir noch good luck und unsere Wege trennen sich wieder.

Warum mache ich überhaupt so etwas? Über diese Frage von Brett denke ich in den folgenden Stunden nach. Was hat mich wirklich dazu bewogen, 1120 Kilometer durch das australische Outback auf mich zu nehmen? Die Hauptschuld dafür trägt ganz klar meine erste Reise durch Australien, denn da habe ich mich in dieses Land verliebt. In die Menschen. In die Weite und Größe des Landes. In die Schönheit der Natur. Natürlich stellten auch die zahlreichen großartigen Momente, die ich in dieser Zeit in Down Under erleben durfte, einen wesentlichen Grund dar. Angefangen von meinem Aufenthalt auf einer Krokodil-Farm mitten im Outback, auf der ich mit 2000 Salzwasserkrokodile leben durfte. Oder das Wandern durch die unberührten Wälder Tasmaniens. Oder beim Äpfelpflücken in Manjimup, bei dem ich durch Nick das australische Familienleben kennen lernen durfte. Oder das Arbeiten auf der Pferderennbahn in Darwin, wo man uns beim Vorstellungsgespräch massig Wein zum Verkosten gab. Und natürlich mein Silvester am Ayers Rock, das bis heute mein schönster Jahresanfang darstellt. Und nach diesem Jahr in Australien schwor ich mir, dass ich eines Tages wieder hierher zurückkomme. Und jetzt bin ich hier. Jetzt ist dieser große Wunsch Realität geworden.

Eine Dusche – was für ein großes Privileg!

Was für eine Wohltat! Ein wunderbarer Augenblick. Ein Höhepunkt und gleichzeitig eine Belohnung für die Strapazen der ersten Tage. Ich habe eben das Privileg einer Dusche genossen. Wenn du hier tagelang im sandigen und staubigen Outback unterwegs bist, dann stellt so eine Dusche ein Luxusgut dar. Die einfachen Dinge des Lebens sind es, die mir hier Zufriedenheit stiften. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Kein Handy, keinen Computer, keinen Fernseher, keine materiellen Dinge und erst recht keine Luxusgüter. Genau diese Einfachheit empfinde ich als absolutes Privileg. Das wird mir hier in der Wildnis Australiens wieder bewusst. Ein einfaches Leben, das das Sammeln von Erfahrungen zum Inhalt hat, bedeutet mir viel mehr als ein dickes Bankkonto. Hier am Tjukayirla Roadhouse, am Ende von Etappe vier nach 315 gelaufenen Kilometern, bekommen wir zumindest ein wenig das Gefühl von Zivilisation vermittelt. Eine Tankstelle, ein winziges Restaurant und einen Campingplatz mit Strom gibt es hier. Sogar eine Telefonzelle kann ich ausmachen. Unglaublich! Da läufst du Hunderte von Kilometern durch das Nichts und dann taucht plötzlich mit einem Schlag diese Oase auf. Wir sitzen einfach nur auf unseren Klappstühlen am Lagerfeuer und genießen die Stille und den Moment. In Zeiten von iPhone, Facebook und Twitter – ein großes Sonderrecht. Das bedeutet für mich allerhöchste Lebensqualität. Mir geht es ausgezeichnet. Nicht nur wegen der Dusche, sondern vor allem, weil ich die ersten Etappen sehr gut überstanden habe.

Australien Link 2-100

Tag der Leiden

Dann kommt Tag sieben. Über 500 Kilometer habe ich bereits in den Beinen. Am Ende der heutigen Etappe will ich sagen können: „Halbzeit des Laufes. Ab morgen zähle ich rückwärts.“ Doch die positiven Gedanken am Morgen sind schnell verflogen, denn mein rechter Oberschenkel bereitet mir immer größere Sorgen. Die Muskulatur wird härter und härter. So hart wie die unzähligen roten Steine, über die ich immer wieder stolpere. Kevin massiert mich bei jedem Checkpoint und legt mir umgehend ein Kinesio-Tape an. Mit diesem „heilenden Klebeband“ lässt sich die Muskulatur lockern und Verletzungen kurieren. Ob dieser buntfarbene Pflastersteifen mir weiterhilft?

Auch die ersten Blasen an meinen Füßen sind gekommen. Roboterhaft setze ich einen Fuß vor den anderen. Schwerfällig, aber ich komme voran. Mein Körper gewöhnt sich nur widerwillig an die täglichen Strapazen. Wie soll das bloß weitergehen? Wie soll ich bitte weiterhin jeden Tag fast zwei Marathondistanzen bewältigen? Meine Laune sinkt. Der Schmerz nimmt zu. Ich bin zum ersten Mal am Zweifeln. Völlig sinnlos, das alles hier! Mit jedem Schritt fühle ich mich schlechter. Mein Kopf ist leer. Was würde ich jetzt alles dafür geben meine Familie zu sehen? Nur für einen kurzen Augenblick. Beim Gedanken an meine Tochter Marla huscht mir ein Lächeln über den Mund. Das einzige am heutigen Tag. Ich mag mich heute nicht so recht als Läufer fühlen. Das Ganze hat doch jetzt sehr viel mit Walking oder neudeutsch Power-Walking zu tun. Ich schleppe mich von Checkpoint zu Checkpoint. Wie lange doch ein einzelner Kilometer sein kann. Und da kommt er plötzlich wieder. Nur ganz kurz, aber gegenwärtig: der Gedanke ans Aufgeben. Es ist ein böser, hinterhältiger und fieser Gedanke, der sich zunächst ganz langsam einschleicht. „Stopp! Weiter geht’s“, sage ich mir. Doch Kopf und Körper bilden an diesem Tag nicht immer eine Einheit. Ich versuche wieder positiv zu denken und rede mir ein: „Hey, sei froh, dass du hier in dieser traumhaften Umgebung sein darfst.“ Es hilft nicht viel, die letzten paar Kilometer verschlingen ganze zwei Stunden. Ich bin heilfroh, als ich das Warburton Roadhouse erreiche. Meine Stimmung schwindet weiter. Nicht nur wegen des heutigen Tages, sondern wegen der sich langsam einschleichenden Ungewissheit, wie ich die restlichen 580 Kilometer bis zum Ayers Rock überstehen kann. Auch die Gesichter von Chris, Marian und Kevin sehen alles andere als entspannt aus. Sie wirken angestrengt und verkrampft. Alle drei leisten jeden Tag einen vorzüglichen Job und unterstützen mich mit allen Kräften. Doch die Tatsache, dass ich die heutige Etappe nur mit Schmerzen durchstehen konnte, hinterlässt auch bei ihnen einen negativen Beigeschmack. „Kannst du deinen rechten Oberschenkel normal belasten?“, fragt mich Kevin, als er diesen massiert. Doch mein schmerzverzerrtes Gesicht macht jede Antwort überflüssig. „Normalerweise braucht dein Körper jetzt ein paar Tage Erholung“, gibt mir Kevin zu verstehen. Doch was ist bei einem Extremlauf durch das Outback schon normal? Die folgende Nacht schlafe ich hundsmiserabel. Immer wieder gehen mir dieselben Gedanken durch den Kopf: Wie werden die nächsten Tage verlaufen? Wird mein Oberschenkel halten? Kann ich weiterhin die 80 Kilometer pro Tag zurücklegen? Als mich um 4:30 Uhr der Handywecker aus dem Schlaf klingelt, fühle ich mich wie von einem Laster überrollt. Der erste Gedanke gilt meinem rechten Oberschenkel. Ich taste ihn vorsichtig ab und höre ganz tief in mich hinein. Wird er halten? Wie stark kann ich ihn belasten? Ich weiß es nicht, ich werde es fühlen.

Neuer Tag, neues Glück

Bei solch einem langen Rennen erlebt man vom Start bis zum Ziel immer wieder Krisen. Mentale Krisen, muskuläre Beschwerden, Magenprobleme. Es gilt jeden Tag aufs Neue aufzustehen, zu laufen und anzukommen. Und dann wieder und wieder und wieder. Die aufgehende Sonne gibt mir Kraft und neuen Mut. Neuer Tag, neues Glück. Frühstücken, Zähne putzen, Anziehen, Rucksack richten – Routine hat sich mittlerweile eingestellt. Und dann kommt einer der schwierigsten Abschnitte einer jeden Etappe: das Loslaufen. Die Beine sind müde, die Muskeln hart, die Knie schmerzen und der innere Schweinehund ist riesengroß. Jeder Schritt ist eine Qual. Doch irgendwie geht es immer weiter. Ich muss schließlich nur einen Fuß vor den anderen setzen. Nach der ersten halbe Stunde fühle ich mich schon wieder etwas besser. Es ist, als ob jemand Öl ins Getriebe gegossen hätte. Der Motor läuft wieder rund. Einigermaßen zumindest. Geh- und Laufpassagen wechseln sich ab. Meine Stimmung nimmt mit jedem zurückgelegten Meter wieder zu. Dazu trägt auch Michael Jacksons „Man In The Mirror“ bei, das ich mir reinziehe, „I’m starting with the man in the mirror, I’m asking him to change his way.” Meinen eingeschlagenen Weg will ich bei diesem Lauf zwar nicht verlassen, sondern im Gegenteil unbeirrt weitergehen. Aber die Musik gibt mir Kraft und treibt mich an. Doch ich muss vorsichtig sein und darf meinen Oberschenkel nicht zu sehr überlasten. Immer wieder versuche ich mich abzulenken. Erinnerungen vergangener Abenteuer gehen mir durch den Kopf. Der fantastische Sonnenuntergang im Vallee de la Luna in der Atacama Wüste in Chile, der Anblick des gewaltigen Kanjenchunga im Indischen Himalaya, die schroffen und steilen Wände in der Mafate auf der Insel La Réunion, die Dichte und Intensität des Dschungels im Amazonasgebiet in Brasilien. Das waren wunderbare Augenblicke, die sich ganz tief in mir eingenistet haben. Seelenorgasmen der allerfeinsten Art. Diese Bilder habe ich im Kopf und rufe sie immer wieder ab. Auch heute halte ich mich wieder streng an die Regel, jede Stunde eine Pellkartoffel, die Kevin täglich zubereitet, zu essen. Mein Rucksack-Buffet hat darüber hinaus einige weitere kulinarische Köstlichkeiten zu bieten: Müsliriegel, Kekse, Nüsse und natürlich Wasser. Doch nach über einer Woche hier im Outback kann ich keine Kartoffeln mehr essen, und viel schlimmer noch – ich kann sie nicht mehr im Magen behalten. Doch seit meinem Start vor zehn Tagen habe ich kaum Gewicht verloren. Ich gebe mir auch alle Mühe und esse, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Schon morgens beim Frühstück gönne ich mir 250 Gramm Pasta – aus der Tüte wohlgemerkt. Das Geschmackserlebnis hat für mich dabei nicht die allergrößte Priorität. Was zählt ist die Anzahl an Kalorien. Ach, wie sehne ich mich nach einem großen, leckeren Steak oder einer Pizza Funghi. Doch hier im Outback habe ich wenig Alternativen. Die Entscheidung, was ich esse, wird mir leicht gemacht. Pasta oder Reis? Reis oder Pasta? Es ist so einfach. Das sonst so komplexe Alltagsleben aus Familie, Kind, Geld und Beruf lässt sich in diesen zwei Wochen auf drei Dinge reduzieren: Laufen, Essen, Schlafen.

Australien Link 4-81

Freude oder Leid? Das ist hier die Frage

Was ist das denn? Einen dumpfen, pochenden Schmerz am rechten Schienbein nehme ich wahr. Verdammte Sch…. Das darf ja wohl nicht wahr sein. Als ob ich nicht schon genügend muskuläre Beschwerden habe, hat sich nun auch noch das unter Langstreckenläufern berüchtigte Scheinbeinkantensyndrom dazugesellt. Das Scheinbeinkantensyndrom, das auch umgangssprachlich als Shin splints bezeichnet wird, ist die Bezeichnung für eine schmerzhafte Empfindung in den Schienbeinen. So steht es auf Wikipedia. Was den Schmerz im Schienbein anbelangt, kann ich dem Internetlexikon zustimmen. Als ob dir jemand bei jedem Schritt mit einem Hammer auf dein Schienbein schlägt. Welche Möglichkeiten habe ich? Weitermachen oder Aufgeben? Freude oder Leid? Ist der Schmerz nicht dein Feind, dann ist er dein Freund, sinniere ich. Ganz klar: Ich muss mich mit dem Schmerz verbünden. Das ist nicht angenehm, aber für einen erfolgreichen Ausgang des Projekts „Run to the Rock“ zielführend. Kevin hilft mir dabei, die Schmerzen mit einem angelegten Druckverband zu lindern. Ich muss die Tagesleistung reduzieren. Anstatt der 80 sind es nur noch 70 Kilometer, die ich pro Tag laufe und gehe. Mein Ziel, die 1120 Kilometer in 14 Tagen zu schaffen, rückt in immer weitere Ferne. Anstatt der zehn bis zwölf Stunden, die ich in der ersten Woche pro Tag für die 80 Kilometer benötigte, bin ich nun bis zu 14 Stunden täglich unterwegs. Doch länger laufen bedeutet gleichzeitig auch weniger Regeneration. Und das heißt auch, dass mein Team länger arbeiten darf. Auch heute werde ich nicht vor 20 Uhr im Lager sein. Die Sonne ist schon fast weg. Die Dunkelheit rückt immer näher. Noch zehn Kilometer. Mein Mund öffnet sich. Nicht, weil ich es so will. Die Müdigkeit gibt mittlerweile den Ton an. Zeit meine Stirnlampe aufzusetzen. Die Situation ist trotz Finsternis und Müdigkeit etwas ganz Besonderes für mich. Ich nehme das Outback noch intensiver wahr als am Tag. Die Stimmung verändert sich komplett. Um dich herum ist es unheimlich, geheimnisvoll, geradezu mystisch. Links und rechts der Piste raschelt es immer wieder. Außer ein paar schwarz erscheinenden Büschen kann ich nichts erkennen. Die wenigen Bäume mit ihren breiten, dunklen Ästen wirken wie Gespenster auf mich. Es herrscht eine eigenartige, spannende und auch bizarre Atmosphäre. Wenn du bei Tageslicht läufst, kannst du die Umgebung in der Regel voll wahrnehmen. Du siehst sie ja mit deinen eigenen Augen. Du siehst den sandigen und staubigen Weg. Bei Nacht ist alles anders. Das Outback zeigt ein anderes Gesicht. Die unzähligen lästigen Fliegen, die den ganzen Tag um mich herumschwirren, sind verschwunden. Auch die Hitze ist weg. Dafür erscheint mir die Stille noch vollkommener. Außer meinem Laufschritt gibt es nichts, was mein Gehör wahrnimmt. Gar nichts. Unzählige Sterne funkeln am Himmel. Immer wieder wandern meine Blicke nach links und rechts. Folgt mir etwa jemand? Von Weitem erkenne ich zwei winzig kleine Lichtquellen, die ganz langsam näherkommen. Wie zwei Taschenlampen, die sich bewegen. Was ist das denn bitte? Ich laufe weiter, bloß ein paar Schritte. Halte dann wieder inne. Nach einer Phase der Orientierungslosigkeit folgt die Gewissheit: Ich habe es, auch heute wieder, geschafft.

Sobald ich am Ende einer Etappe die beiden Camper meines Teams erreiche, habe ich nur einen Gedanken: so schnell wie möglich ins Bett. Meine Uhr zeigt 20:10 Uhr an. Die Zeit ist mein ständiger Gegner bei diesem Rennen. 15 Minuten länger laufen bedeuten 15 Minuten weniger Schlaf. In nicht mal neun Stunden geht es schon wieder weiter mit der nächsten Etappe. Drei Teller Pasta, Umziehen, Körperpflege und ab geht’s ins Bett. Vorher ist noch kurzes Abstimmen für die morgige Etappe mit meinem Team angesagt. Für längere Gespräche mit meinen Freunden fehlt mir leider die Kraft. Ich beschränke mich nur noch auf das absolut Notwendigste. Die Massage von Kevin, die ebenfalls zu einem täglichen Ritual geworden ist, lässt mich behutsam in meinen Schlaf finden.

Noch 240 Kilometer –was ist das schon!

Ab jetzt ticken die Uhren anders. Darauf habe ich lange gewartet. Ich befinde mich mittlerweile in Nordaustralien, genauer gesagt im Northern Territory. Der Norden Australiens ist für mich das wahre Australien. Gefährliche Salzwasserkrokodile, sengende Hitze, rote Erde, wenig Menschen – all das assoziiere ich mit dem Northern Territory. Neunzig Minuten wird die Zeit gegenüber Westaustralien vorgestellt. Doch viel wichtiger ist für mich die Tatsache, dass es ab hier nur noch 240 Kilometer bis zum Ayers Rock sind. Und was sind schon 240 Kilometer, wenn du bereits 900 Kilometer in den Beinen hast? Die Perspektive verändert sich. Und dadurch auch das körperliche Befinden. Meine Oberschenkelverhärtung und die Blasen an meinen Füßen, die mich schon seit Tagen plagen, scheinen auf einmal wie weggeblasen. Auch den stechenden Schmerz im rechten Knie nehme ich plötzlich nicht mehr wahr. Meine Gedanken sind jetzt ganz auf das Ziel programmiert. Ich spüre wieder die innere Gewissheit, dass ich bald den Ayers Rock erreichen werde. Dieses Gefühl wird immer stärker. Mit jedem Schritt nimmt es weiter zu. Alles geht auf einmal so leicht.

run to the rock-667

Im Ziel – am Ayers Rock

Das ist schon komisch. Ein eigenartiges Gefühl. Nach über 1000 gelaufenen Kilometern betrete ich das erste Mal wieder asphaltierten Boden. Willkommen in der Zivilisation. Direkt vor mir liegen die Olgas, eine Gruppe von 36 Bergen. Kata Tjuta, viele Köpfe, werden sie von den Aborigines genannt. Im Sonnenaufgang bieten diese roten Berge einen faszinierenden Anblick. 50 Kilometer trennen mich jetzt noch vom Ayers Rock. Doch ein flüssiges Lauftempo will sich bei mir auf der asphaltierten Straße nicht einstellen. Nur schwerfällig komme ich voran. Mit der Stille ist es nun vorbei. Immer wieder fährt ein Touristenbus oder Auto an mir vorbei. Gehupe inklusive. Dann die letzten zehn Kilometer bis zum Rock. Ich denke an nichts anderes mehr. Ich will nur noch diesen Fels berühren. Ich will nur noch ankommen. Die letzten Bremsen löse ich und fliege dem Ziel förmlich entgegen. Ich bin voll in meinem Element. Ich brenne. Ich renne – den Kilometer unter fünf Minuten. Tränen schießen mir in die Augen. Meine Mundwinkel wandern immer mehr Richtung Nasenhöhe. Freudestrahlend schaue ich hoch an den wolkenfreien Himmel, an dem die Sonne wie eine Königin thront. Dabei macht sich eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper breit. In mir ist es ganz warm. Es prickelt in mir vom Kopf bis zur Fußspitze. Ich bin völlig losgelöst von allem. Bin ganz bei mir angekommen. Ich brauche nichts in diesem Moment. Bin einfach nur da. Meine Beine, meine Arme, meine Füße, mein Kopf – alles fühlt sich ganz leicht an. Die letzten Meter. Dann im Ziel. Meine Hände berühren, nach 1120 Kilometern und 15 langen Tagen, den Ayers Rock. Chris, Marian, Kevin und ich fallen uns in die Arme. Ich bin glücklich und doch irgendwie leer. Mein gesamter Körper zittert – vor Glück und Erschöpfung. Selten zuvor hat ein Dosenbier so gut gemundet, wie dieses am Ayers Rock. Cheers!