Von Meer zu Meer

1.000 Kilometer mit Ziehwagen durch den Kaukasus

Saftig grüne Wiesen, schneebedeckte Berggipfel, malerische Seen. Was für eine faszinierende Kulisse! Ich befinde mich mitten im Kaukasus. Genauer gesagt im Großen Kaukasus im Westen Georgiens. Der Kaukasus ist ein etwa 1.100 Kilometer langes, von Westnordwest nach Ostsüdost verlaufendes Hochgebirge in Eurasien zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Seit vielen Jahren trage ich den Traum in mir, einmal diese reizvolle Landschaft und vom Tourismus bisher noch wenig beachtete Region zu Fuß zu erkunden. Mein Ziel ist es, am Schwarzen Meer zu starten und einmal quer durch Georgien und Aserbaidschan bis nach Baku ans Kaspische Meer zulaufen. Knapp 1.000 Kilometer in 20 Tagen. Als Selbstversorger mit Ziehwagen.

Alleine mit Ziehwagen
Vollkommene Autonomie, also kein Begleitfahrzeug, kein Team und keine motorisierte Unterstützung  das ist mein Anspruch bei diesem Abenteuer. Nur in Begleitung einer Fotografin, die die Expedition mit beeindruckenden Bildern dokumentiert und auf dem Fahrrad mitfährt. Daraus folgt, dass ich das vollständige Equipment für die gesamte Laufstrecke, inklusive Zelt, Schlafsack, Kochutensilien, Kleidung sowie vieler Wasser- und Essensvorräte, mit mir führen muss. Insgesamt gut 30 Kilogramm an Gewicht. Ein Ziehwagen (Trekpacker der Firma Benpacker) fungiert dabei als Transportsystem. Mit diesem Gefährt über teilweise steinige und holprige Bergpfade zu laufen, bedeutet nicht nur ein völlig neues Laufgefühl, sondern beansprucht auch viel mehr Zeit und Energie. Durchschnittlich lege ich pro Tag ein bisschen mehr als 50 Kilometer zurück. Batumi, die georgische Hafenstadt am Schwarzen Meer ist am 20. Mai 2017 der Ausgangspunkt zu dieser Expedition.

Reizvolle Landschaft und anspruchsvolles Profil
Wohin ich auch schaue: grün, grün und nochmals grün. Grüne Weideflächen mit Kühen, umringt von den kantigen Bergen des Kaukasus lassen mein Herz höher schlagen. Der Kaukasus ist Teil des Alpidischen Gebirgssystems und unterteilt sich in die drei Gebirgsketten Großer Kaukasus, Kleiner Kaukasus und Talysch-Gebirge. Der Kaukasus ragt bis zu einer Höhe von 5.642 Metern über dem Meeresspiegel auf. Er befindet sich auf den Territorien Russlands, Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans.

Auch heute, auf der dritten Etappe, dominieren lange, zähe Anstiege. Das Strecken- und Höhenprofil hat es in sich. Insgesamt knapp 13.000 Höhenmeter. Allein an diesem Tag, vom Dorf Dioknisi nach Adigeni, bewältigen wir knapp 2.000 Höhenmeter. Einzelne Schneefelder und zahlreiche Bachdurchquerungen erschweren das Vorankommen. Die Bergpfade sind vom vielen Regen aufgeweicht. Nur mühsam kommen wir voran – ganze vier Kilometer in der Stunde. Doch nicht nur die sportliche Herausforderung und der landschaftliche Reiz haben mich in den Bann gezogen. Auch historisch und kulturell haben Georgien und Aserbaidschan einiges zu bieten. Georgien ist ein unglaublich altes, christlich geprägtes Land mit einer tief verwurzelten Kultur. Lange Traditionen werden noch heute liebevoll weitergeführt. Die kulturellen Errungenschaften wie die polyphone Musik, der georgische Tanz, die alte Kirchenarchitektur oder die komplexen Tischregeln werden noch immer gepflegt. Viele Georgier singen zum Essen, bei Ausflügen oder an Familienfesten. Georgien hat sich seine Unabhängigkeit erkämpft, nachdem es zunächst im 19. Jahrhundert und nochmals nach dem Ersten Weltkrieg unter russischer Flagge regiert wurde. Über 4.000 historische Denkmäler und Sehenswürdigkeiten aus mehr als zwei Jahrtausenden zählen heute zum Kulturerbe Georgiens. Für ein relativ kleines Land, das in etwa die Größe Hessens hat, ist dies eine erstaunliche Anzahl.

Im direkten Vergleich unterscheidet sich Aserbaidschan, das flächenmäßig kaum größer als Österreich ist, vor allem durch die vorherrschende Religion von Georgien: Hier gehören die meisten Einwohner dem Islam an. Politisch musste auch dieses Landschon sehr unangenehme Zeiten erleben. Abhängigkeit von Russland bis Anfang der 90er Jahre und Korruption spielten auch für Menschen in Aserbaidschan eine große Rolle.

Zuvorkommend, gastfreundlich und warmherzig
Die Sonne nähert sich langsam dem Horizont. In einer Stunde ist es dunkel. Es ist bereits der 11. Tag der Expedition. Gut 56 Kilometer zeigt mir mein GPS-Gerät an. Wir befinden uns 20 Kilometer vor der georgischen Stadt Lagodekhi, nahe der Grenze zu Aserbaidschan. Wo werden wir heute wohl unser Lager aufschlagen? Etwas müde und erschöpft, gleichzeitig aber glücklich und beschwingt laufe ich auf einer gut asphaltierten, geraden Straße entlang. Links und rechts sorgen riesige Weideflächen mit unzähligen Rindern und Schafen für eine friedvolle Kulisse. Nur wenige Menschen sind mir in der letzten Stunde begegnet. Ein breites Lächeln huscht mir über die Mundwinkel. Ich bin sehr dankbar, diese Reise machen zu dürfen. Vor mir mache ich ein Auto aus, das neben der Straße parkt. Als ich mich ihm nähere, erkenne ich einen Mann, der neben einem blauen, alten Lada lehnt und mir freundlich zuwinkt.

Mit „Gamarjoba“, was auf Georgisch Hallo bedeutet, begrüße ich ihn. Mit Englisch kommen wir, wie in vielen Teilen Georgiens und Aserbaidschan, nicht weiter. Mit lebhafter Gestik machen Carole und ich ihm unser Anliegen klar: Wir sind auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er scheint wohl unser Bedürfnis zu verstehen, denn er signalisiert uns, ihm zu folgen. Ein paar Minuten später stehen wir gespannt vor einem Tor, das zu einer Farm führt. Der nette Mann öffnet das Tor und bittet uns, ihm zu folgen. Vorbei an frei umherlaufenden Hühnern, bellenden Hunden und unzähligen Kühen gelangen wir an ein Haus.

Ein paar Minuten später sitzen wir an einem großen Tisch. Neben dem Mann haben seine Frau und seine drei Söhne Platz genommen. Alle betrachten uns mit großer Neugierde. Eine eindrucksvolle Ruhe und Gelassenheit strahlen ihre Gesichter aus. Carole und ich fühlen uns sofort pudelwohl. Wir lachen, schauen gemeinsam Bilder an und verständigen uns irgendwie mit Händen und Füßen. Einen Teller mit Brot, Tomaten und Käse wird uns gereicht. Dazu frische Kuhmilch und eine Flasche Wein (Anmerkung: Der Wein ist in einer 2,5 Liter großen Plastikbierflasche gefüllt). Die kulinarische Herausforderung folgt nur ein paar Minuten später. Einer der drei Söhne kommt mit verschiedenen kleinen Plastikflaschen zu uns an den Tisch. Auf einer der Flaschen steht mit großenschwarzen Buchstaben „Basil“, auf einer anderen Flasche mache ich „Lemon“ aus und auf der nächsten ist „chaca“ zu lesen. Mit einem breiten Grinsen und voller Leidenschaft sagt er etwas auf Georgisch. Das einzige, das ich verstehe, ist Vodka. Dankend lehne ich ab und bleibe bei einem Glas Wein. Zuvorkommend, unbefangen, gastfreundlich und warmherzig – diese Attribute beschreiben die Georgier und Aserbaidschaner sehr treffend. Fast täglich erhalten wir Einladungen zu Essen und Trinken sowie zum Übernachten.

Am Ziel – Das Kaspischee Meer
Mittlerweile haben wir 1.000 Kilometer in den Beinen. Wir sind kurz vor unserem Ziel, befinden uns in den Vororten von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Die Umgebung hat sich verändert.  Eine wüstenähnliche, karge Landschaft umringt uns. Der Verkehr nimmt zu. Die Hektik und Geschäftigkeit der Menschen ebenfalls. Baku, das Ziel unserer Expedition, ist nicht mehr weit. Die größte Stadt im gesamten Kaukasusgebiet ist durch den Ölboom sehr reich geworden, was man ihr auch unweigerlich ansieht. DIE WELT beschrieb die Stadt einmal „wie Dubai am Kaspischen Meer“. Ende des 19. Jahrhunderts begann die mechanische Ölförderung aus den Jahrtausende alten Quellen in der Region um Baku, wodurch die Bevölkerung und der Wohlstand unaufhaltsam wuchsen. Dieser Reichtum der Stadt ist in vielen Bauten und Denkmälern festgehalten und beeindruckt bis heute bei einem Spaziergang durch die Metropole, deren Altstadt Teil des UNESCO Welterbes ist. Moderne Gebäude wie die „Flame Towers“ stellen einen starken Kontrast zu den uralten Häusern und Türmen aus persischen Zeiten dar. Flaniert man durch Baku, gewinnt man schnell den Eindruck, dass man sich in einer Art europäischem Orient befindet. Die Stadt fasziniert mich schon lange, weshalb ich sie mir bewusst als Ziel für diese Expedition ausgesucht habe.

Dann ist es tatsächlich geschafft. Wir sind am Kaspischen Meer. Der strahlend blaue Himmel und die warme Sonnenstrahlen erfüllen uns mit einer selten zuvor erlebten Ergriffenheit.