Kambodscha Reisebericht

Norman Bücher

Der Traum von Angkor –  220 Kilometer zu Fuß auf dem Ancient Khmer Path durch Kambodscha

Angkor Wat, eine der imposantesten und bekanntesten Tempelanlagen der Welt, übt auf unzählige Touristen eine große Anziehungskraft aus. Doch während sich die meisten Menschen den Tempeln mit Auto oder Tuk-Tuk nähern, wählten ein paar abenteuerlustige Läufer Anfang Dezember 2013 eine ganz andere Methode: zu Fuß. Im Rahmen des Ancient Khmer Path wurden zunächst 220 Kilometer gelaufen, bevor man den eindrucksvollen Tempelkomplex von Angkor Wat erreichte.

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Wow, hier schlägt der Puls des Lebens. Unzählige Tuk-Tuks rauschen an mir vorbei, begleitet von lautem Gehupe. Quirlige Kinder hüpfen auf dem schmalen, mit Gemüseabfällen übersäumten Weg hin und her. Imposante Tempelanlagen und geschichtsträchtige Plätze wechseln sich mit einfachen Häusern und völlig überfüllten Straßen ab. Welcome to Cambodia! Einen Grund ins „Land of Wonder“, wie Kambodscha auch genannt wird, zu reisen, habe ich schon lange gesucht. Seit dem vergangenen Jahr habe ich einen in Form des Ancient Khmer Path gefunden. Dabei handelt es sich um einen sechstägigen Etappenlauf über 220 Kilometer quer durch Kambodscha bis zur geschichtsträchtigen Tempelanlage von Angkor Wat. Nach der Premiere in 2012 findet der Mehrtageslauf in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. 31 Läuferinnen und Läufer aus insgesamt 18 Nationen sind Ende November nach Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, gereist, um bei diesem Event dabei zu sein.

Die Magie einer völlig anderen Welt

5-4-3-2-1 and GO! Es geht los. Nach dem Abspielen der kambodschanischen Nationalhymne und den obligatorischen Startfotos schickt uns Stefan Betzelt, der Organisator des Laufs, auf die 1. Etappe. Schon nach den ersten Kilometern tauche ich ein in eine völlig andere Welt. Die Umgebung ist durch grüne Reisterrassen, durch beeindruckende Palmen und dichte Mangrovenwälder gekennzeichnet. Kambodscha weist für ein so kleines Land (flächenmäßig etwa halb so groß wie Deutschland) überraschend vielfältige und unterschiedliche Landschaften auf. Zwar bestimmen Reisfelder einen Großteil des Bildes in dem überwiegend flachen, landschaftlich genutzten Land, aber es gibt auch ansehnliche Hochlandgebiete sowie eine 440 Kilometer lange Küstenlinie. Das Herzstück des Landes wird dominiert von dem riesigen Tonle Sap, dem größten Süßwassersee Südostasiens. Immer wieder passieren wir kleinere Dörfer; oft nur eine Handvoll Bambushütten, die einfach und gemütlich aussehen. Es stehen fast immer ein paar neugierige Kinder davor, die uns freundlich zuwinken und lautstark „Hello“ oder „Bye Bye“ rufen, was ich mit einem breiten Grinsen erwidere. Die Menschen wirken entspannt und zufrieden. Von der hektischen und auf Konsum ausgerichteten westlichen Welt ist hier überhaupt nichts zu sehen. Im Gegenteil: die Menschen hier auf dem Land leben sehr bescheiden, zurückgezogen und im Einklang mit der Natur. Von den fast 15 Millionen Kambodschanern leben gut 80 Prozent auf dem Land. Trotz aller Naturschönheiten verbinden viele Menschen in Europa mit Kambodscha meist immer noch mit den Roten Khmer, unter denen das Land zu trauriger Berühmtheit erlangte. Die in den 1970er Jahren an die Macht gekommenen Fanatiker übten eine Schreckensherrschaft mit Massenexekutionen aus, der ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas zum Opfer fiel.

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Abwechslungsreiche und anspruchsvolle Etappen

Nach den ersten zwei Etappen über 31 und 36 Kilometer steht am dritten Tag die Königsetappe über insgesamt 62 Kilometer an. Davon führen die ersten 30 auf schmalen Pfaden durch dichten Dschungel. Etwa 60 Prozent Kambodschas sind von Urwald bedeckt. Die Umgebung wird immer eindringlicher. Immer intensiver. Als rücke der Regenwald um einen herum mit jeder Sekunde näher an einen heran. Doch während die Läufer im vergangenen Jahr durch tiefe Wasserlöcher marschieren mussten und nur mühsam vorankamen, wurden wir dieses Jahr vom Regen verschont. „Stay always on the track“, so die mahnenden Worte von Stefan beim gestrigen Briefing, die mir durch den Kopf gehen. Und das nicht ohne Grund. Denn in Kambodscha gibt es immer noch schätzungsweise zehn Millionen Landminen. Die fast 30 Jahre andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen haben Kambodscha zu einem der am stärksten mit Landminen und Blindgängermunition belasteten Länder gemacht. Einhundert Prozent Aufmerksamkeit sind deshalb beim Laufen angesagt. Doch das ist gar nicht so einfach, da die Sonne unbarmherzig auf die Erde knallt. Mein Laufshirt klebt an meinem Körper und mein Mund wandert alle paar Minuten zum Schlauch meiner Trinkblase. Kein Wunder, bei gut 75 Prozent Luftfeuchtigkeit und 32 Grad Außentemperatur. Da ist es eine enorme Erleichterung, dass wir (im Vergleich zu anderen Mehrtagesläufen) nicht das komplette Gepäck, sondern nur einen kleinen Rucksack selbst tragen müssen. Ein weiteres Gepäckstück, auf zehn Kilogramm begrenzt, wird von Lager zu Lager transportiert.

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Abenteuer Tempelcamp

Am späten Nachmittag haben die meisten Läufer die lange Etappe geschafft. Doch während sich die letzten 15 Kilometer aufgrund der zunehmenden Hitze und der kerzengeraden, endlos erscheinenden Schotterpiste gewaltig in die Länge ziehen, sind im Etappenziel alle Strapazen vergessen. Denn: wir sind am berühmten Preah Khan Temple, in dem Teile von Indiana Jones gefilmt wurden, angekommen. Unmittelbar davor dürfen wir in Zelten die heutige Nacht verbringen. Während des gesamten Rennens wird in oder an buddhistischen Tempeln übernachtet. Ein visueller Genuss und gleichzeitig eine besondere kulturelle Erfahrung nach den körperlichen Anstrengungen. Die Zeit in den Camps empfinde ich fast so faszinierend wie das Laufen selbst. 31 verschiedene Persönlichkeiten sind hier dabei. Interessante Menschen aus der ganzen Welt. Banker, Landwirte, Dolmetscher, Ärzte oder Feuerwehrmann. Unterschiedliche Sprachen und verschiedene Kulturkreise haben sich bei diesem Rennen versammelt. Um so etwas zu erleben, müsste man normalerweise ins Olympische Dorf gehen. Da ist zum Beispiel Vaclav, ein 23-jähriger Tscheche, der als Pizzabäcker in Stuttgart arbeitet. Er ist vor dem Rennen noch nie länger als zwei Stunden am Stück gelaufen. Sein Chef Giampietro, Mitte Fünfzig aus der Nähe von Mailand, hat Vaclav zur Teilnahme motiviert. Er war bereits im vergangenen Jahr dabei und musste verletzungsbedingt ausscheiden. Dieses Jahr soll alles besser laufen. Wir reden über Politik, Wirtschaft, das Reisen, das Laufen…ja, über Gott und die Welt. Die Menschen sind es vor allem, die solch einen Lauf zu einem besonderen Erlebnis machen.

Bewegender Zieleinlauf

Am letzten Tag sind dann noch 16 Kilometer zu laufen. Die Vorfreude auf das große Ziel lässt uns noch einmal die letzten Kraftreserven mobilisieren. Du hast immer im Hinterkopf, dass es nach der heutigen Etappe keine weitere mehr gibt. Also: du kann jetzt nochmals alles geben und dann dem Körper die verdiente Auszeit gönnen. Die letzten Kilometer sind dann sehr bewegend. Wir erreichen den Angkor Archäologischen Park, passieren das Eingangstor und sind nur noch am Staunen. Imposante und majestätische Tempelanlagen liegen vor uns. Das Laufen wird spätestens jetzt zur Reise in die Geschichte. In die Geschichte des riesigen Khmerreichs. In den Jahren 850 bis 1200 war die Region um Angkor Herrschaftszentrum der Khmer, der größten Bevölkerungsgruppe Kambodschas.

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Dass Angkor viel mehr als nur den Tempel Angkor Wat beinhaltet, war mir schon vor dem Lauf bewusst. Doch welche Dimensionen die Anlage und die einzelnen Bauwerke haben, merke ich erst, als ich hier laufe. Auf einer Fläche von 400 km² liegen die Ruinenstätten verstreut. Dann kommt endlich Angkor Wat mit seinen fünf grandiosen, maiskolbenförmigen Türme in Sichtweite. Mein Herz schlägt schneller, mein Atem rast. Angkor Wat ist das größte sakrale Bauwerk der Welt. Es besteht aus einer großen Pyramide mit drei Ebenen und fünf Türmen, die sich bis zu 65 Meter über dem Grund erheben. Je näher ich der Tempelanlage komme, umso deutlicher kommen die Schönheit und der komplexe Aufbau zum Tragen. Gut 30 Jahre soll die Bauzeit betragen haben. Monsignor Jean-Baptiste Pallegoix, ein französischer Geistlicher, sagte über Angkor Wat einmal: „…die Ausführung ist so erstaunlich, dass auch die Kambodschaner selbst sie immer als die Arbeit von Engeln, nicht von Menschen, bezeichnen…“. Wie recht er doch hat. Selten zuvor empfand ich einen Zieleinlauf so bewegend und emotional wie dieser am Angkor Wat.