Eine Frage der Perspektive


Die blaue Baseball-Cap, seine auffälligen Kopfhörer, die lässig auf seinen Schultern baumeln − das waren die ersten Dinge, die mir an Alex auffielen. Mit seinen buschigen Augenbrauen, den großen braunen Augen und dem Dreitagebart erinnerte er mich an George Clooney. Das war, als ich zwei Stunden zuvor an diesem Freitagnachmittag Plovdiv, im Süden Bulgariens, erreichte, erst kreuz und quer durch die Straßen lief, die Stadt im Laufschritt erkundete, mich treiben ließ, dann an einer Schule vorbeikam und mich spontan entschloss, diese zu besuchen. Doch soweit sollte es nicht kommen, denn kaum hatte ich den Schulhof betreten, kam mir Alex entgegen. Die Schule sei bereits für heute aus, meinte er in einem sehr guten Englisch. Was ich hier mache, warum ich diese seltsame Laufweste trage, woher ich komme. Die typischen Fragen. Doch Alex stellte weitere Fragen, war ehrlich interessiert. Ob er mir Plovdiv, seine Heimatstadt, zeigen dürfe. Er habe heute Nachmittag nichts mehr vor.

So fing mein ganz persönlicher Stadtrundgang durch die Kulturhauptstadt Europas 2019 an. Wir schlenderten durch die wunderschöne Altstadt, er zeigte mir das Philippopolis-Theater, das antike Stadion. Im Garten des Tsar Simeon, einem schattigen Park, setzten wir uns auf eine Bank. Noch ein Jahr, ein letztes, habe er hier an der Schule, erzählte er mir. In seinen Worten schwang ein wenig Wehmut mit. Danach würde er gerne nach Kalifornien ziehen und von seiner Musik leben. „Ist das dein großer Traum?“, hakte ich nach. Ein Leuchten in seinen Augen gab bereits die Antwort. Menschen durch seine Musik zu inspirieren und seine Geschichte durch Songs zu erzählen, das sei in der Tat sein großer Traum. Momentan lebe er mit seiner Mutter allein in einer kleinen Wohnung. „Das ist mir zu eng, ich möchte raus, ich möchte weg, in den USA ein neues Leben anfangen.“ Seine Stimme wurde eindringlicher, emotionaler. Ich meinte zu spüren, wie er, äußerlich gelassen, innerlich brodelte wie ein Vulkan.

Die Begegnung mit Alex ist stellvertretend für einige, die ich in den letzten Tagen in Bulgarien hatte. Allein an diesem Tag erhalte ich vier Einladungen zu Tee und Essen. Die Menschen sind hier ungemein warmherzig und gastfreundlich. Der bisherige Reiseabschnitt durch Bulgarien zählt für mich zweifellos zu einem der Höhepunkte auf der bisherigen Europa-Etappe.

Zur selben Zeit, ungefähr zwanzig Kilometer vor Plovdiv. Mein Begleiter Achim ist am Fluchen. Wieder einmal wird er abgewiesen. Nur eine Vignette für das Nachbarland Türkei möchte er an einem der Shops erhalten. Ohne Erfolg. Frustriert steigt er wieder in den Bulli und steuert die nächste Tankstelle an, um auch an dieser dieselbe Erfahrung zu machen. Nur wenige Begegnungen habe er bisher gehabt, und in diesen sei es immer schwer gewesen, den Menschen ein Lächeln zu entlocken, berichtete er mir an diesem Abend. Die Menschen seien abweisend, uninteressiert in ihren kleinen, verrauchten Shops gesessen. Auf sein Grüßen beim Betreten habe man nur selten reagiert. Die wenigsten hätten Englisch gesprochen, seine Versuche mit Google-Übersetzer zu kommunizieren, wurden abgewiesen. Er fühle sich in dem Land nicht wohl. Am liebsten hätte er Bulgarien nach dem ersten Tag wieder verlassen. Achim hat Bulgarien aus einem anderen Blickwinkel gesehen und erlebt. Das gleiche Land, fast dieselbe Reiseroute, derselbe Zeitraum und doch komplett unterschiedliche Erfahrungen.

Was ich in dem Augenblick begreife, als mir Achim von seinen Erfahrungen in Bulgarien berichtet: Wie ich meine Umgebung wahrnehme, erscheint aus Läufersicht eine andere zu sein, als aus dem Auto oder dem Bus. Die Landschaften, die nur ganz langsam an mir vorbeiziehen, der feste Kontakt meiner Füße mit dem grauen Asphalt, die unmittelbare Nähe zu den Menschen, das intensive Gefühl im Hier und Jetzt. Einfach eine andere Welt.

Man sagt, Reisen verändere die Wahrnehmung und die Perspektive. Dem kann ich zustimmen. Wer in fremde Länder reist, wird dreifach belohnt: Er lernt die Welt, die Weltbewohner und seine eigene Welt besser kennen. Alexander von Humboldt meinte einmal, dass die gefährlichste aller Weltanschauungen die der Leute sei, die die Welt nie angeschaut haben. Nur, wer die Welt bereist, sieht sie differenziert. Entscheidend dabei ist nicht das nackte Wissen über ferne Länder und andersartige Lebensentwürfe, sondern die dazu passenden Erfahrungen, die ich nur selbst machen kann. Je reicher die Erfahrungen, umso reicher das Selbstverständnis und umso detaillierter der Blick auf das Leben.

Wir Menschen sehen die Dinge ganz unterschiedlich. Jeder schaut durch die einzigartige Brille seiner eigenen persönlichen Erfahrungen und denkt, er sehe die Dinge, wie sie sind. Er denkt, er sei objektiv, aber so ist es nicht. Mit jeder neuen Reise, durch jedes neue Abenteuer verstehe ich immer mehr, dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, sondern wie wir sind.

Unser Blick auf die Welt ist immer unvollständig. Wir sehen immer nur einen winzig kleinen, sehr begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit. Und doch lässt sich dieser Ausschnitt ab und an ein wenig vergrößern, der eigene Horizont erweitern. Einfach dadurch, dass ich auf fremde Menschen zugehe, mit ihnen rede, sie beobachte, ihnen zuhöre, von ihnen lerne. Meine grundlegende Überzeugung ist, dass wir von jedem Menschen etwas lernen können.

Jeder Mensch hat seine Geschichte und erzählt sie durch seine eigene Brille. Jede dieser Begegnungen eröffnet mir neue Horizonte. Was mir dabei besonders imponiert: In einem persönlichen Gespräch werden die großen Geschichten und Weltprobleme auf individuelle Schicksale heruntergebrochen. Die Armut wird spürbar durch eine Familie, die mir gegenübersitzt und erzählt, wie sie durch den Krieg alles verloren hat. Die Ungerechtigkeit im Bildungssystem wird sichtbar durch einen jungen Mann, der gerne zur Schule gehen würde, für den es aber keinen Platz mehr gibt. Die Angst vor Ablehnung bekommt ein Gesicht durch ein Mädchen, das sich kaum traut, mir in die Augen zu schauen und das dem Gegenüber misstraut.

Ich frage mich: Ist es nicht ein großes Geschenk, die Welt aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen betrachten zu dürfen? Die Welt durch eine andere Brille zu sehen? Die Perspektive von einem unserer fast acht Milliarden Mitbürger einnehmen zu können? Was verändert sich dadurch für mich? Wie sieht die Welt wohl damit aus? Was sehe ich? Welche neuen Blickwinkel eröffnen sich dadurch?

Eine Möglichkeit, um die Beschränktheit der eigenen Vorstellungen zu überwinden, bietet die Begegnung mit anderen Menschen und deren fremdartigen, von den eigenen Überzeugungen abweichenden Vorstellungen. Solche Begegnungen öffnen und relativieren die eigenen Selbst- und Weltbilder. Je länger ich auf dieser Tour unterwegs bin, desto bewusster wird mir: Die Welt ist bunt, groß, vielfältig. Der Horizont ist weiter, als ich es mir jemals vorgestellt habe. Ich erkenne, dass ich bisher nur einen kleinen Einblick in die wahre Tiefe unseres Planeten erhalten habe. Die Welt erscheint mir von Tag zu Tag immer größer, denn wenn ich etwas aus einem anderen Blickwinkel betrachte, dann sehe ich viel mehr. Auf meinem Weg als Läufer gibt es immer neue Blickwinkel zu entdecken. An jeder Straßenecke, in jedem Dorf, bei jeder Rast. Und irgendwann beginne ich mich selbst mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht verhält es sich oftmals ganz einfach so, wie es Albert Camus zum Ausdruck brachte: „Das Reisen führt uns zu uns selbst zurück“.

Als ich am nächsten Tag Plovdiv verlasse, die nächsten Kilometer unter meine Füße nehme und auf eine wenig befahrene Nebenstraße abbiege, nehme ich über mir einen Vogel wahr, der seine Kreise zieht. Ein großer Vogel − ein Adler oder Bussard vielleicht. Elegant schwebt er in der Luft, seine Flügel ausgebreitet, gleitet er mühelos, ja majestätisch, durch Zeit und Raum. So als ob es keine Begrenzungen gäbe. Wie er wohl die Umgebung von dort oben wahrnimmt? Was er alles sieht? Wie gerne möchte ich mit ihm tauschen, die Welt von oben betrachten, seine Perspektive einnehmen. Nur für einen Tag.

Das ist eines der Kapitel meines neuen Buches „7 CONTINENTS – Mein Lauf um die Welt, zu den Menschen und zu mir selbst.

Ein Statement von Alex (inklusive Bild) findest du im Reisebuch von 7 CONTINENTS.

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