Eine Insel für sich


Die Rub-al-Khali Wüste im Oman ist der stillste Ort, an dem ich gewesen bin. Mit einer kleinen Gruppe zusammen, bin ich vor ein paar Jahren zu Fuß durch die Wüste gewandert. In dieser monoton sich erstreckenden Landschaft gab es keine von Menschen erzeugten Geräusche, außer denen, die wir selbst produzierten. Jedes Mal, wenn wir eine Pause machten und der Wind nicht wehte, erlebte ich eine ohrenbetäubende Stille. Die Abgeschiedenheit und Einöde der Wüste zogen mich in ihren Bann. Außer der endlosen Weite schien es nichts um mich herum zu geben. Kein Gedränge, keine Hektik, keine Musik, keine Stimmen, kein Lärm. Nichts. Absolute Stille. Ich hörte und fühlte die Stille.

Mit der Stille veränderte sich meine Wahrnehmung. Das eintönige Braun des Wüstensands veränderte sich in unzählige Nuancen von Braun: bärenbraun, braunbeige, blaubraun, eichelbraun, braunorange, braunocker, goldbraun, karamellbraun, schokoladenbraun, zimtbraun, muskatbraun. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Natur über die Zeitspanne, in der ich in der Wüste war, veränderte. Aber ich irrte mich. Die Umgebung blieb dieselbe, ich veränderte mich. Die äußere Stille übertrug sich auf mich, in eine innere Stille. Meine Gedanken wurden leiser, die inneren Stimmen im Kopf ruhiger, das Gedankenkarussell langsamer.

Wenn ich viele Tage zu Fuß unterwegs bin, verändert sich der Charakter einer Tour. Es ist anders als ein halbstündiger Spaziergang oder auch ein Marathonlauf. Die Abhängigkeit von äußerlichen Stimulationen verschwindet, ich bin losgelöst von den Erwartungen anderer, das Laufen bekommt eine innere Bedeutung, nimmt teilweise fast meditative Züge an. Wenn ich laufe, geht es immer darum, Ruhe zu finden, die Probleme zu Hause zu lassen, zu einem Teil meiner Umgebung zu werden, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Zu Hause im Alltag fahren Autos, klingeln Handys, fliegen Flugzeuge, höre ich Stimmen von Menschen oder bellen Hunde. Jemand redet, flüstert, schreit, flucht. Insgesamt gibt es so viele Geräusche, dass ich sie kaum noch wahrnehme. Hier in der Wüste war es vollkommen anders. Die Natur sprach zu mir, indem sie sich als Stille präsentierte. Je stiller es wurde, desto mehr hörte ich.

Ich wurde immer aufmerksamer gegenüber dieser Welt, von der ich ein Teil davon war. Ich war allein mit meinen Vorstellungen und Gedanken, war voll und ganz in meinem eigenen Leben präsent. Die Welt verschwindet, wenn man darin aufgeht, behauptete der Philosoph Martin Heidegger. Und genau das durfte ich in meinem Leben schon oft erfahren. Beispielsweise auf meinem Weg nach Öttömös. Ich bin den vorletzten Tag in Ungarn. Knapp 35 Kilometer habe ich heute in meinen Beinen, ich laufe auf einer breiten Straße, alle paar Minuten überholt mich ein Auto. Kilometer für Kilometer spule ich auf dieser Straße ab, verfalle nach und nach in einen Trott, in einen Zustand der Monotonie. Wie die sanfte, ruhige Stimme eines Hypnotiseurs bringt mich mein Laufrhythmus in einen Zustand der Entspannung und Stille. Obwohl die Umgebung alles andere als ruhig ist, kehrt in mir Ruhe ein. Bewusst nehme ich meinen Atem wahr, gleichmäßig und ruhig. Ich bin eins mit mir, ganz bei mir, mir selbst genug. Da war sie wieder: Eine Insel der Stille, eine Insel für mich selbst.

Das ist für mich die interessanteste Stille: Diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe. Daher suche ich nicht mehr nach der absoluten Stille um mich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir.

Was ich erkannt habe: Die Welt auszusperren, bedeutet nicht, seiner Umgebung den Rücken zukehren, sondern im Gegenteil: Es heißt, die Welt ein wenig deutlicher zu sehen, innezuhalten, eine Pause einzulegen, zu reflektieren und das Leben zu lieben.

Der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne meinte, dass Glück ein Schmetterling sei, der sich immer unserem Griff entzieht, wenn man ihn jagt, der sich aber auf uns niederlässt, wenn wir ganz still dasitzen.

Die Stille ist eine Bereicherung an sich. Es ist eine Qualität, etwas Luxuriöses. Ein Schlüssel, mit dem sich neue Arten des Denkens erschließen. Ich denke dabei nicht an Entsagung oder etwas Spirituelles, sondern an eine praktische Ressource für ein reicheres Leben. Oder etwas einfacher ausgedrückt: Eine Form des Erlebens, die tiefer ist, als nur den Fernseher einzuschalten und sich die Nachrichten anzuschauen.

Eckhart Tolle meinte dazu: „Schau dir einen Baum, eine Pflanze, eine Blume an. Lass dein Gewahrsein darauf ruhen. Wie still sie sind, wie tief im Sein verwurzelt. Lass zu, dass die Natur dir die Stille lehrt.“

Laufen stellt mein Vehikel dar, wenn ich mich in mein Inneres zurückziehen will. Je länger ich laufe, desto weniger trenne ich zwischen Körper, Geist und Umgebung. Die äußere und die innere Welt gehen nach einer Zeit ineinander über.

Ich stelle mir manchmal die Frage, ob es nicht gut wäre, wenn die Menschen die Gelegenheit hätten, sich ein bisschen zu langweilen. Wenn sie einfach mal nichts tun würden? Wenn sie innehielten und sich darüber wunderten, was sie eigentlich gerade tun?

Bei der Stille geht es darum, das, was man tut, von innen zu betrachten. Zu erfahren und nicht zu viel zu denken. Jeden Augenblick groß genug sein lassen. Nicht durch andere und anderes leben. Die Welt ausschließen und seine eigene Stille schaffen. Beim Laufen, kochen, reden, studieren, lesen.

Das Gegenteil von Stille ist ein Gehirn, das arbeitet und denkt. Wenn wir Ruhe finden wollen, müssen wir aufhören zu denken. Nichts tun. Die Stille ist ein Werkzeug, um der Umgebung zu entkommen. Dazu habe ich, neben dem Laufen, einen weiteren Weg gefunden: das Dunkelretreat, einem Aufenthalt in völliger Dunkelheit. Mithilfe eines Dunkelretreats wird der Fokus gezielt auf das eigene innere Erleben gerichtet. Drei Tage war ich in völliger Dunkelheit. Allein in einer fremden Wohnung im Taunus. Die ersten Stunden fühlten sich seltsam und eigenartig an. Es gab hier nichts zu tun − außer sich mit sich selbst zu beschäftigen. Es gab kein Ausweichen, keine Ablenkungen, kein Fernseher, kein Internet, kein Social Media, keine Kinder, keine E-Mails, kein Telefon, keine einzige Lichtquelle. Das war wohltuend und zumindest anfangs beängstigend zugleich.

Nach ein paar Stunden wurde mir langweilig. Ich wusste zunächst nicht, was ich tun sollte. Einfach nur dasitzen und meine Gedanken beobachten. Das schien mir anfangs außerordentlich befremdlich. Die Stille und die Dunkelheit schienen mich zu erdrücken. Es war so verdammt schwer, einfach nur dazusitzen und untätig zu sein, wenn nichts geschieht, wenn man allein ist, wenn es still um einen ist. Zuhause entscheide ich mich oft dafür, etwas zu tun, statt die Stille mit mir selbst auszufüllen. Nach und nach verstand ich, dass die Ursache vieler meiner Probleme im Bereich zwischen meinen Ohren zu finden ist.

Durch die Reizarmut entstand etwas Interessantes. Die Wahrnehmungen meiner Sinne verfeinerten sich, und ich nahm fast ausschließlich meine Innenwelt wahr.
Ich erkannte, in welchem unglaublichen Gedankenkarussell ich mich befand, wie mein Kopfkino auf Hochtouren lief und mein Gehirn arbeitete, als gäbe es kein Morgen. Welchen Schlüsselsatz mir Arnold, der mich während der Zeit im Dunkeln betreute, mit auf den Weg gab und der mich seitdem begleitet: „Das, was du im Außen wahrnimmst, ist eine Projektion deines eigenen Innenlebens“.

Die meisten Menschen sind so stark im Außen, dass sie ihr Innenleben gar nicht bewusst wahrnehmen. Sie halten die Stille nicht aus. Die Stille finden wir dort, wo wir sind: in unserem Kopf. Ganz ohne Kostenaufwand. Wir müssen nicht in eine Wüste reisen oder in ein fernes Land fliegen, wir können Sti lle auch zuhause auf der Couch erleben. Stille kann überall und jederzeit auftauchen − direkt vor unserer Nase. Ich schaffe sie selbst, wenn ich eine Treppe hinaufgehe, koche oder ich mich einfach darauf konzentriere, wie ich atme. Ja, wir sind alle Teil eines Kontinents, doch das Vermögen, eine Insel für uns selbst zu sein, tragen wir ständig mit uns herum.

PS: Dieser Blogbeitrag stellt ein Kapitel meines neuen Buches „7 CONTINENTS – Mein Lauf um die Welt, zu den Menschen und zu mir selbst dar“.

Das Buch wird Mitte November 2020 erscheinen.

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